Madonna mit Kind aus der italienischen Nationalkirche „Maria Schnee“ am Minoritenplatz in Wien

Vorderansicht
Die hochgotische Madonna mit Kind aus der Minoritenkirche in Wien gehört zu den bedeutendsten Steinbildwerken aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Österreich. Die kürzlich durchgeführte Befundung und Konservierung brachte neue Erkenntnisse zur Geschichte dieses außergewöhnlichen Kunstwerks.

Die kunsthistorische Einordnung der fast lebensgroßen Figur ist umstritten. Die seit dem Mittelalter für die Minoritenkirche bezeugte Figur steht in engem formalen Zusammenhang mit der Dienstbotenmadonna aus dem Stephansdom, die mit dem charakteristischen Motiv des Schleiertuchs der Madonna, in das der Christusknabe eingehüllt ist, regelmäßig als Vorbild der Minoritenmadonna genannt wird. Allerdings sind die späteren bildhauerischen Überarbeitungen an der Minoritenmadonna nicht in einem so rigorosen Umfang erfolgt, wie es bei der Dienstbotenmadonna der Fall ist. Somit entspricht die Formgebung bei nahezu allen Oberflächenbereichen der hochgotischen Erscheinung. Stilistisch lassen sich die beiden Madonnen am ehesten mit den qualitätvollen Werken der französischen hochgotischen Skulptur in Straßburg und am Oberrhein vergleichen, möglicherweise vermittelt über Steinbildwerke aus Regensburg. Stilistische Parallelen lassen sich auch mit der Madonnendarstellung von Klosterneuburg (um 1300) sowie der Mariendarstellung im Tympanonrelief des Nordportales der Minoritenkirche in Wien (um 1300) erkennen. Die nicht überarbeitete Steinoberfläche trägt noch eine Summe von historischen Farbfassungen. Eine Ausnahme bildet die rechte Hand, welche in ihrer Stellung gänzlich geändert wurde. Die ursprünglich den Mantel haltende Hand wurde in der Barockzeit abgearbeitet und durch eine neue, ein Zepter haltende Hand ersetzt. Der Erhaltungszustand der Oberflächen und Fassungen ist stark davon bestimmt, dass die Statue im späten 18. Jahrhundert aus dem Inneren der Minoritenkirche an den Außenbau, und zwar in die nördliche Figurennische des barocken Nordportalvorbaues versetzt wurde, wo sie Wind und Wetter ausgesetzt war. Nachdem am Ende des 19. Jahrhunderts eine neuerliche Überfassung erfolgt war, schritt die k.k. Zentralkommission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale ein und verlangte eine Rückführung. Diese erfolgte jedoch nicht, wie das zeitgleich noch oft der Fall war, durch ein Abarbeiten auf die Steinoberfläche, sondern ließ es bei einem Mischzustand aus den Fassungsresten der ersten beiden mittelalterlichen Fassungen und Resten der vier Folgefassungen bewenden. Erst kurz vor 1939 wurde die Madonna von der Außenseite der Minoritenkirche ins Rauminnere verbracht. Nach einer Deponierung während des II. Weltkrieges war sie von ca. 1952 bis 1964 im Chor des Stephansdomes als Säulenfigur aufgestellt. Die Madonna wurde damals nach Sicherungs- und Konservierungsmaßnahmen in die Minoritenkirche rückgeführt und auf einem Sockel im Langhaus vor einer Säule zur Aufstellung gebracht. Aufgrund des Schadensbildes (starke Verschmutzung, Kerzenwachsbeläge, Versinterungen, Rußbeläge, Ausbrüche im Bereich der Füße, Fassungslösungen etc.) und im Hinblick auf die hohe Bedeutung der mittelalterlichen Farbigkeit auf Stein wurde die Madonna 2014 zur Untersuchung sowie für die notwendige Konservierung und Restaurierung in die Restaurierungsateliers der Abteilung für Konservierung und Restaurierung des Bundesdenkmalamtes im Arsenal verbracht. Die Untersuchung und konservierungswissenschaftliche Aufarbeitung erfolgte in Kooperation mit der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart (Studiengang Konservierung und Restaurierung von Wandmalerei, Architekturoberfläche und Steinpolychromie, Prof. Roland Lenz) und war Gegenstand einer Masterarbeit (Johannes Jacob). Der vorgefundene Mischzustand von mehreren Fassungsbeständen ließ im Rahmen einer vertieften Untersuchung mit naturwissenschaftlichen und kunstwissenschaftlichen Auswertungen eine nahezu lückenlose Interpretation der Fassungsfolgen zu. Als großflächig erhalten erwiesen sich zwei mittelalterliche Fassungen, die sich durch große Buntheit und bemerkenswerte Binnenfarbgebungen (z.B. vergoldetes Ringmuster am Kleid der Madonna) auszeichnen. An verschiedenen Fragmenten sind auch noch fünf Folgefassungen identifizierbar, zu denen beispielsweise eine barocke, Rotmarmor imitierende Fassung gehört. Dieser bemerkenswerte Befund hat eine Parallele an den Stifterfiguren des Rudolfsgrabes im Stephansdom. Weiters konnte an der Minoritenmadonna auch eine josephinische Weißfassung aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert nachgewiesen werden, wie sie im Wiener Raum vor dem Hintergrund der Reformhaltung Josephs II. oftmals belegt ist. Die klassizistische Reduktion auf das reine Weiß begleitete die Gegenbewegung zum Überschwang der barocken Heiligenverehrung. Das heutige Konservierungs- und Restaurierungskonzept wurde in intensiver Auseinandersetzung mit dem überlieferten Altersbild entwickelt, das sowohl von dem Mischzustand der Fassungen als auch von partiellen Belägen bzw. Krusten bestimmt ist, die auf die ehemalige Aufstellung im Freien zurückzuführen sind. Offenbar wurde das Altersbild mit Fassungsfragmenten und Patina als Ergebnis der Restaurierung am Ende des 19. Jahrhunderts durchaus akzeptiert, was im Gegensatz zu den zuvor üblichen „stilreinen“ Restaurierungen als frühes Beispiel für die neue Wertschätzung eines heterogenen, aber authentischen Zustands besondere Achtung verdient. Mischzustand und Patina führen zur nachvollziehbaren Wahrnehmung der „Erzählung“ der Figur, die durch ihre Fassungsgeschichte und ihre ehemalige Rolle als weithin wirksamer Gegenstand der Verehrung am Außenbau eine zusätzliche Bedeutung erhalten hat, die über die gotische Form- und Farbgebung noch weiter hinausführt. Daher gehört es auch zum gegenwärtigen Konservierungs- und Restaurierungskonzept, dass die diesbezüglichen aussagestarken Oberflächenbefunde beibehalten werden. Dazu gehören auch Patinaauflagen und Krusten, bei denen durch reduzierte Reinigungsmaßnahmen und punktuelle Festigungen eventuelle Gefahrenherde behoben werden. Das im Bundesdenkmalamt ausgearbeitete Restaurierkonzept sieht also vor, dass die Ausbrüche im Standbereich der Figur geschlossen und gekittet werden. Die Figur wird trocken und feucht gereinigt. Der Kunstharzüberzug der 1960er Jahre wird abgenommen, die mittelalterlichen Fassungen werden gefestigt. Die Sinterkruste wird in technisch problematischen Bereichen reduziert. Die Sichtfassung wird im Bereich kleinerer Fehlstellen durch eine zurückhaltende Retusche beruhigt, um ein geschlossenes Erscheinungsbild der Figur zu erreichen. Vor einer Neuaufstellung in der Minoritenkirche wird die Verankerung der Figur auf ihrem Sockel verbessert, um einen nachhaltigen Diebstahlschutz zu gewährleisten. Eine umfassende Dokumentation aller Untersuchungen und Arbeitsschritte in der Restaurierung dient als künftige Grundlage für jede weitere Forschung zu diesem herausragenden Steinbildwerk der Gotik in Wien.