Der Zahnwehherrgott von St. Stephan

Die Bildausschnitt der überkreuzten Arme, wobei durch die konservatorische Reinigung zahlreiche Spuren früherer Fassungen erkennbar sind.
Der so genannte „Zahnwehherrgott“ vom Wiener Stephansdom zählt zu den wenigen noch erhaltenen Schmerzensmanndarstellungen aus Stein in Österreich und wurde nun im Auftrag des Domes in der Abteilung für Konservierung und Restaurierung des Bundesdenkmalamtes eingehenden Untersuchungen und Restaurierungsmaßnahmen unterzogen.

Die Darstellung des Schmerzensmanns war ein im 14. und 15. Jh. weit verbreitetes Andachtsbild und zeigt Christus mit seinen Wundmalen und der Dornenkrone. Durch den duldenden Ausdruck sollte eine besonders innerliche Beziehung zum gläubigen Betrachter aufgebaut werden. Der „Zahnwehherrgott“ bildet eine der zahlreichen sagenumwobenen Figuren des Wiener Stephansdoms. Der Legende nach wurde die Schmerzensmanndarstellung aufgrund ihres leidenden Gesichtsausdrucks eines Nachts von drei betrunkenen jungen Männern verspottet. Die Figur war, wie dies durch die kultische Verehrung in jener Zeit üblich war, mit Blumen geschmückt, die mit einem Tuch am Kopf befestigt wurden. Als die drei Burschen Christus mit diesem Tuch sahen, lästerten sie, dass Jesus Zahnschmerzen hätte. Doch noch in derselben Nacht bekamen die drei Burschen selbst große Schmerzen. Erst als sie am nächsten Tag zum Dom zurückkehrten, um Abbitte zu leisten, waren ihre Schmerzen wieder verschwunden. Seit dieser Zeit wurde der „Zahnwehherrgott“ von zahlreichen Wienerinnen und Wienern aufgesucht, um Erleichterung von Zahnschmerzen zu erbitten.

Die Schmerzensmanndarstellung wurde um 1420 von einem unbekannten Künstler gefertigt und zeigt die mit einem Schurz bekleidete Halbfigur Christi mit Dornenkrone und Wundmalen auf einem Sockel aus Wolken. Die Skulptur befand sich ursprünglich an der äußeren Ostwand des Mittelchores, der sog. „Armenseelennische“. 1950 wurde das Original aus konservatorischen Gründen abgenommen und 1960 an die westliche Innenwand der Nordturmhalle transloziert. An der alten Stelle befindet sich seit 1953 eine Abgusskopie; lediglich der originale Sockel blieb an der Außenwand bestehen.

Die Oberfläche des Steins zeigt zahlreiche durch Temperaturschwankungen und Bewitterung über Jahrhunderte gebildete Abplatzungen und Risse. Verkrustungen aus Staub, Gips und Russ haben über die vergangenen Jahrzehnte zu einer Verdichtung der Oberfläche geführt, die eine Quelle für weitere Schäden darstellt. Im Rahmen der Arbeit in der Abteilung für Konservierung und Restaurierung wurden von Jänner bis März 2014 Reinigungs- und Konservierungsmaßnahmen durchgeführt (Rest. Gertrude Zowa). In über 500 Arbeitsstunden wurden folgende Schritte ausgeführt: Vorfestigung, Entfernung schadhafter oder formal umpassender Ergänzungen, Kittungen und Überzüge aus früheren Restaurierungen, Reinigung der Oberfläche unter Berücksichtigung des Alterswertes (Erhaltung der „Patina“), Festigung und Verklebung von Rissen und Schollen, Neue Kittungen, Ergänzungen und Retuschen, Naturwissenschaftliche Befundung zur Polychromie.

Ergänzend zu den konservatorisch-restauratorischen Arbeiten wurden auch naturwissenschaftliche Untersuchungen zur heute nur noch fragmentarisch erhaltenen Polychromie durchgeführt. Dabei konnten z.B. im Bereich der Inkarnatfassung zahlreiche Fassungen vom 15. bis zum 19. Jahrhundert nachgewiesen werden. Das Lendentuch trug ursprünglich eine weiße Fassung und wurde erst im Barock mit Blattgold belegt. Zahlreiche Blutspritzer und Rinnspuren bei den Wundmalen und der Dornenkrone müssen im Barock ein besonders realitätsnahes Bild geliefert haben. Petrographische Untersuchungen zeigten, dass es sich bei dem Steinmaterial um eine Varietät des sog. „Pläners“, eines im Bereich des heutigen Tschechien (Weißer Berg bei Prag) vorkommenden Steins, handelt. In Österreich kommt der Pläner nicht vor, was einen interessanten Aspekt bei der Beantwortung der Frage nach der Provenienz der Skulptur darstellt.

Literatur:

Elisabeth Jaindl: Der Stephansdom im alten Wien - Geschichte und Geschichten, Wien 1997

Hans Tietze: Geschichte und Beschreibung des St. Stephansdomes in Wien, Wien 1931

Annemarie Fenzl: Der „Zahnwehherrgott“, Unser Stephansdom 83 (2009)

Wolfgang Zehetner: Die „Armenseelennische“, Unser Stephansdom 83 (2009)