“Ein zum Schicksal gewordenes Haus”

Das Steinhaus von außen.
Nach dem Tod Günther Domenigs im Juni 2012 wurde das Steinhaus am Ossiacher See in Kärnten unter Denkmalschutz gestellt. Der Bau, der den Architekten zeit seines Berufslebens ideell wie finanziell beanspruchte und in dem er auch begraben werden wollte, nimmt im Gesamtwerk eine Sonderstellung ein.

Am Anfang gab es ein von der Großmutter ererbtes Grundstück, das für Günther Domenig mit persönlichen Kindheits- und Jugenderlebnissen verknüpft war. Steindorf war sein Sommerort - klimatisch und landschaftlich gänzlich anders geartet als das Mölltal, wo die Familie in den 1940er Jahren lebte.
Aus der Zeit ab 1977 existieren erste vage Skizzen zu einer möglichen Bebauung des annähernd trapezförmigen Seegrundstückes. Bis Anfang der 1980er Jahre entstanden, zum Teil vor Ort, Zeichnungen der Mölltaler Berglandschaft, wie Domenig diese wahrnahm - als tektonischen Verschiebungen geschuldete „Zerbrechungen“ von Bergen und Hügeln, als Formationen aus Felsblöcken, Geröll und Schluchten. Die Architektur - in der Anfangsstudie noch traditionell als Oberkärntner Scheune mit gemauertem Untergeschoß, in Blockbauweise errichtetem Obergeschoß und holzgedecktem Pfettendach dargestellt - zerbricht und zersplittert wie das Gestein trümmerhaft.
Zu diesem Zeitpunkt wurde der Plan, auf die von Seen und Bergen geprägte Umgebung architektonisch zu reagieren, bereits konkret: 1980 entstand als erstes Objekt am Grundstück - aus der Hand des Architekten geformt - der „Steg“, der über eine wellenartig geschwungene Holzrampe bzw. -rutsche Wasser und Ufer miteinander in Verbindung setzt. Domenigs Vorstellungen von einem Eigenheim als gebaute Biographie, als radikal anti-folkloristischer Gegenentwurf zur „Verlogenheit einer Scheinheimatarchitektur“ entfachte Widerstand, auch innerhalb der Familie.
Ab 1986, nach vielen Jahren des Ver- und Entwerfens, wurde schließlich „Haus gebaut“. Parallel zum Baufortschritt nahmen auch die Auffahrunfälle auf der nördlich gelegenen Bundesstraße zu, weil die Aufmerksamkeit der Autolenker von der „Betonorgie“ in Anspruch genommen wurde. Auf einem Fremdenverkehrsprospekt retuschierte man das „Ungetüm“ kurzerhand weg und ersetzte es durch Bäume. Da der Boden in Seenähe aus Schlamm und Wasser bestand, stellte Domenig sein Bauwerk wie einen venezianischen Palazzo auf Pfähle, die tief ins feste Erdreich getrieben werden mussten. Auch der im untersten Geschoß zentral angelegte „Spiralraum mit Wasserzylinder“ erinnert an Bauweisen in der Lagunenstadt, wo seit dem Mittelalter die Grundrisse der Häuser von der Lage der lebensnotwendigen Brunnen abhängig gemacht wurden. Bei der Ausrichtung des „Regenfängers“, eines Auffangbeckens für Regenwasser, wurde neben der Funktion auch die Sichtbeziehung zur Stadt Feldkirchen berücksichtigt, wo der Architekt heute in der Familiengruft begraben liegt.
Fast die Hälfte des zur Verfügung stehenden Baukörpers ist für Wohn-, Ausstellungs- und Veranstaltungszwecke nutzbar, der größere Anteil an Bauflächen wurde jedoch für Gänge, Stiegen, Brücken und Stege verwendet, die insgesamt fünf Geschosse erschließen und die Bauteile im Westen und Osten über eine Schlucht miteinander verbinden. Anhand unzähliger Zeichnungen, Schnitte, Ansichten, Modelle wird ersichtlich, wie der Architekt ausgehend von einer geknickten zentralen Längsachse seine Vision schwebender Steine in Konstruktion und Geometrie überführte. Die Ausführung war für den Architekten Grenzerfahrung dessen, „was überhaupt in gebaute Form umgesetzt werden kann“: Skulpturenhaftes, wie eine „Säulenwand“, „Finger“, eine „hohe Wand“ und der so genannte „Huckepack“, ein nordöstlich auskragender Block im ersten Obergeschoss, sind aus Beton gegossen, während die drei „Schwebesteine“ und ein „Großer Stein“ aus nicht-rostendem Stahl gefertigt wurden. Jedes Detail, von der Schalungsfuge über Materialfarbigkeiten bis hin zur Ausbildung von Kanten, wurde auf der Baustelle vom Architekten überprüft: "Auf die Schärfe des Betons kommt es an, man soll sich daran blutig schneiden können.“
Nach zwei Jahrzehnten wurden die Stahlbeton-Bauarbeiten abgeschlossen und die noch ausständigen Glaskuben eingefügt: Nach Fertigstellung des Innenausbaues mit Schlafeinheiten, Arbeits-, Gemeinschafts- und Sanitärräumen besteht die Möglichkeit, den Bau gleichermaßen als Werkstätte für Architektur und als kulturelles Veranstaltungszentrum zu nutzen. Mit der Gestaltung der Außenlandschaft durch einen begeh- und bewohnbaren „Schwarzen Hügel“, durch pergolaartige Stahlrahmenkonstruktionen, mehrere Objekte und Modelle (u. a. „Stein für Hehe“) konnte der Architekt 2008 sein Lebenswerk vollenden. Der Intention Günther Domenigs, „Architektur zu machen, damit die Denkmalpfleger auch in Zukunft noch etwas zu schützen haben“, wurde seitens des Bundesdenkmalamtes mit der Unterschutzstellung des Gesamtkunstwerkes vier Jahre nach dessen Fertigstellung entsprochen.
Das Denkmal „Steinhaus“ ist am Tag des Denkmals unter dem Motto „aus Stein?“ am 29. September zwischen 14.30 und 17.00 Uhr bei freiem Eintritt zu besichtigen (Anmeldung zu den Sonderführungen am Denkmaltag unter 0650/4646240). www.tagdesdenkmals.at/kaernten/steindorf-am-ossiacher-see-steinhaus/

Die Abbildungen wurden dankenswerterweise vom Klagenfurter Ritter-Verlag mit Zustimmung des Fotografen Ferdinand Neumüller und der Steinhaus Günther Domenig Privatstiftung zur Verfügung gestellt.

Verwendete Literatur: Hubmann, Axel/ Lehne, Andreas: Amtssachverständigen-Gutachten zur Unterschutzstellung vom 10.9.2012, GZ 56384/1/2012 Bauen wie boxen, in: Der Spiegel, Jg. 42, Nr.47, 1988, S. 239-242 Boeckl, Matthias (Hrsg.): Günther Domenig. Recent Work, Wien/ New York 2005

Domenig, Günther: Domenig Steinhaus, Klagenfurt 20023 erweiterte Auflage

Österreichisches Museum für angewandte Kunst (MAK): Günther Domenig Werkbuch, Salzburg und Wien 1991 Trenkler, Thomas: Architektur in Leoben 1995-2002, Graz 2002