„Viribus unitis“

Bunte Fassade mehrere Stöcke hoch
Der Militärbau aus der Zeit Kaiser Franz Josephs in Eisenstadt wurde am 1. Mai 1858 feierlich eröffnet. 13 Jahre beherbergte er das k.k. Kadetteninstitut. Dieses und die nachfolgenden Lehrstätten wurden zum Wirkungsbereich bedeutender Persönlichkeiten: Der Afrikaforscher Anton Erwin Lux (1847-1908) und der Polarforscher Julius Payer (1842-1915) unterrichteten hier, während die Schriftsteller Robert Musil (1880-1942) und Rudolf von Eichthal (1877-1974) ihre Erfahrungen als Zöglinge der Anstalt in ihrem literarischen Werk verarbeiten sollten.

Das in barocker Zeit geprägte Stadtbild der Freistadt Eisenstadt änderte sich, bedingt durch die verhältnismäßig späte Einbindung in die bestehenden Eisenbahnnetze, bis zur Erhebung zur Hauptstadt des Burgenlandes 1925 kaum. Gründerzeitliche Architektur im Stil des Historismus ist daher nur in wenigen, jedoch markanten Objekten, etwa der Martinkaserne am Ostrand der Stadt, dokumentiert.

Im Dezember 1848 war Kaiser Franz Joseph im Zuge der revolutionären Ereignisse an die Macht gekommen – eine der ersten Taten des konservativ erzogenen, jungen Monarchen war die blutige Niederschlagung der ungarischen Rebellion im Sommer 1849 mit anschließender Wiederherstellung und Sicherung der Größe der habsburgischen Dynastie. Mit dem Silvesterpatent von 1851 wurde die Verfassung außer Kraft gesetzt und ein neoabsolutistisches, zentralistisches Regime eingeführt, in dem Franz Joseph die volle Souveränität innehatte. Erleichtert bemerkte damals der „rothosige Leutnant“ – wie er von kritischen Zeitgenossen verächtlich bezeichnet wurde - zu seiner Mutter, Erzherzogin Sophie: „Wir haben das Konstitutionelle über Bord geworfen und Österreich hat nun mehr einen Herrn“. Militär und Kirche wurden zu Hauptstützen der Monarchie. Zur Sicherung der Reichshauptstadt Wien gegen den „inneren Feind“ wurden in der Folge strategisch platzierte „Defensionskasernen“ errichtet - etwa das Arsenal (1849-56) in Wien-Landstraße oder die Kronprinz-Rudolf-Kaserne (heute: Rossauerkaserne, 1865-69) in Wien-Alsergrund. 1852 verfügte der Kaiser die Reform des militärischen Bildungswesens, dafür musste auch die erforderliche bauliche Infrastruktur adaptiert bzw. neu geschaffen werden. Im Rahmen der Militär-Bildungsreform wurde ein mehrstufiges Ausbildungssystem entwickelt, zu dem etwa neben Militär-Untererziehungshäusern (1. Stufe, Dauer 4 Jahre, für 7-11jährige Knaben) oder Militär-Obererziehungshäuser (2. Stufe, Dauer 4 Jahre, ab dem 11. Lebensjahr) auch die Kadetteninstitute (2. Stufe, Dauer 4 Jahre, ab dem 11. Lebensjahr) gehörten, die der Heranbildung von Offizieren und der Vorbereitung auf die Militärakademie (3. Stufe, ab dem 15. Lebensjahr) dienten.

Der mächtige, 1853-1858 errichtete Komplex der ursprünglich als k.k. Kadetteninstitut am Südhang des Leithagebirges erbauten Martinkaserne sollte viele Jahrzehnte den städtebaulichen Gegenpol zu der im Westen der Stadt situierten Schlossanlage der Fürsten Esterházy bilden.

Nach Abtretung des Baugrundes durch die Stadtgemeinde Eisenstadt wurde nach planerischen Vorgaben des Armee-Oberkommandos unter der Bauleitung von Sigismund von Malinowski, Hauptmann des Genie-Stabes, das langgestreckte, symmetrisch angelegte dreiflügelige Hauptgebäude errichtet. Die breite, durch drei Giebelrisalite gegliederte Fassade des auf Materialsichtigkeit konzipierten Ziegel- und Quadersteinbaus wurde, in Anlehnung an das damals in Errichtung befindliche und für weitere Militärbauten dieser Zeit bestimmende Wiener Arsenal in mittelalterlich-maurischen Formen des „Romantischen Historismus“ gestaltet. Auf dem parkartigen Areal, das durch die Errichtung der Beamtenhäuser (1926-31) im Südwesten der Anlage deutlich verkleinert wurde, wurden eine Schwimmschule mit dazugehörigem Vorwärmbassin und ein Turnplatz, an der nordwestlichen Grundstücksgrenze verschiedene Nutzbauten errichtet.

Das Eisenstädter Kadetteninstitut ist eines von vier damals errichteten Instituten – die anderen Standorte waren Hainburg an der Donau, Marburg (Maribor, heute: Slowenien) und Fiume (Rijeka, heute: Kroatien). Die Institute waren für die Aufnahme von 200 Zöglingen bei einem Lehr- und Verwaltungspersonal von etwas über 90 Personen ausgelegt. Der Lehrplan für vier Jahre umfasste neben Religion, Deutsch, Französisch, Naturgeschichte, Geographie udgl. auch Kenntnisse der Infanteriewaffe, Dienstreglement, Abrichtungs- und Exerzierreglement, oder Stock- und Säbelfechten und Schwimmen. Das Schuljahr dauerte vom 1. Oktober bis 31. August, Unterricht fand auch am Sonntagvormittag statt. Außerdem wurden die Zöglinge dazu angehalten, sonn- und feiertags die Messe zu besuchen. Die feierliche Eröffnung fand am 1. Mai 1858 statt, doch bereits im Sommer 1871 wurde das Kadetteninstitut aufgelöst, da es nach der verheerenden Niederlage bei Königgrätz 1866 zu einer Reorganisation der Militärbildungsanstalten kam. Anschließend erfolgte die kurzzeitige Nutzung als Infanteriekaserne, 1879 die Adaptierung als k.k. Militär-Unterrealschule, 1909-18 als k.u.k. Militär-Oberrealschule, ab 1922 die gemischte Nutzung als Bundesmittelschule, Sitz des Burgenländischen Landtags und Kaserne. Seit 1938 wird die Anlage, die 1967 nach dem Landespatron Martin benannt wurde, ausschließlich als Kaserne genutzt.

Die Institution und ihre nachfolgenden Lehrstätten – das Kadetteninstitut wurde nach nur 13 Jahren aufgelassen - wurden zur Wirkungsstätte bedeutender Persönlichkeiten: Der Afrikaforscher Anton Erwin Lux (1847-1908) und der Polarforscher Julius Payer (1842-1915) unterrichteten hier, während die Schriftsteller Robert Musil (1880-1942) und Rudolf von Eichthal (1877-1974) ihre Erfahrungen als Zöglinge der Anstalt in ihrem literarischen Werk verarbeiten sollten.

Seit vielen Jahren werden in Etappen Restaurierungen an dem zentralen Monumentalbau durchgeführt: Nach der behutsamen Restaurierung der Kapelle in den 1990er Jahren erfolgten die Restaurierung im der Sockelzone aus Naturstein und die Sanierung der historischen Umfassungsmauer der Kasernenanlage sowie der Wasserableitung im Bereich der Altane, die von einem Steinrestaurator instandgesetzt wurde. Vier rezente, nach dem 2. Weltkrieg ausgewechselte Seitentore wurden nach Plänen der Architekturabteilung des BDA erneuert. In einer weiteren Etappe erfolgte die Innenrestaurierung im Bereich des westlichen Erdgeschoßflügels. In jüngerer Zeit wird das ursprüngliche Erscheinungsbild des repräsentativen Vestibüls mit großem finanziellem Aufwand wiederhergestellt. In einem weiteren Schritt soll die durch Vogelkot und teilweise durch Gipssinterschichten verschmutzte und verwitterte Fassade restauriert werden.

Beim heurigen Tag des Denkmals zum Thema „aus Stein?“ am 29. September sollen das Hauptgebäude, ein zentrales Werk historistischer Architektur im Nordburgenland, seine Geschichte und die Restaurierungen der letzten Jahre in einer Festveranstaltung entsprechend gewürdigt werden.