Eine Leiche im Keller?

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Anlässlich der Errichtung des neuen Gemeindezentrums von Fließ (Tirol) fanden 2011 und 2012 archäologische Grabungen statt, die unter anderem - zum ersten Mal in Nordtirol - eine eisenzeitliche Bestattung in einem zeitgleich bewohnten Gebäude ans Tageslicht brachten.

Der Ort Fließ im Tiroler Oberinntal ist ein guter Boden für die Archäologie. Das kleine Museum in der Dorfmitte beherbergt eine Reihe von regelrechten „Schätzen“ wie etwa zwei Bronzedepotfunde aus der Bronzezeit und der Hallstattzeit.

2010 kamen aus einer Baugrube Funde der jüngeren Eisenzeit (La-Tène-Zeit) zu Tage, die das Bundesdenkmalamt dazu veranlassten, im Ortskern von Fließ eine archäologische Funderwartungszone zu definieren. Die geplante Errichtung eines neuen Gemeindezentrums auf dem sogenannten „Stuemer-Areal“ führte deshalb zwischen November 2011 und Juni 2012 zu einer großflächigen Ausgrabung.

Neben den Resten einiger frühneuzeitlicher Bauernhäuser, die vermutlich nach einer Feuersbrunst 1896 geschleift worden waren, fanden sich überraschenderweise die Spuren von mindestens zwei großen, langrechteckigen Holzgebäuden der älteren Eisenzeit (Hallstattzeit, 8.-6. Jh. v. Chr.).

Unmittelbar westlich des südlichen Hallstatthauses erbaute man im 6./5. Jh. v. Chr. ein typisches Steinhaus der jüngeren Eisenzeit, eine so genannte „casa retica“. Besonders charakteristisch für Häuser dieses Typs sind schmale, abgewinkelte Zugangskorridore. Ein solcher ist auch beim Fließer Haus vorhanden. Das Haus muss einmal abgebrannt sein, wie eine mächtige Brandschicht im Inneren beweist. Man renovierte es nach dem Brand offenbar wieder, erhöhte dabei den Fußboden und schuf einen weiteren schmalen Zugang von der Südseite her, der durch einen massiven Mauerstumpf repräsentiert wird.

Unmittelbar westlich des genannten Mauerstumpfs machte das Grabungsteam eine spektakuläre Entdeckung: In einer rundlichen Grube, die in den ältesten Fußbodens eingetieft worden war, lag eine Bestattung! Bei dem Toten handelt es sich um eine männliche Person, die in etwa im Alter von 40 bis 50 Jahren verstorben ist. Der Tote wurde mit stark angewinkelten Beinen und Armen ("Hockerstellung") in die Grube gebettet, sein Kopf lag im Osten. Im rechten Schulterbereich fand sich ein Tierknochen mit regelmäßig eingeschnittenen Einkerbungen, der als Anhänger (Amulett?) um den Hals getragen worden sein könnte. Beim rechten Oberarm fanden sich offenbar absichtlich niedergelegte Tierknochen.

Mittlerweile liegen die anthropologischen Untersuchungsergebnisse und eine Radiokarbondatierung vor. Demnach hatte der Mann eine kräftige Statur, seine Körperhöhe betrug in etwa 1,60 m. Brüche beider Schienbeine und des rechten Wadenbeins sowie im Bereich des Kinns und des Hinterhauptes lassen Rückschlüsse auf Gewaltanwendung zu. Diese Frakturen entstanden entweder kurz vor dem Tod des Mannes oder aber knapp nach seinem Ableben, beispielsweise im Rahmen des Bestattungsvorganges. Die 14C-Datierung ergab ein kalibriertes Alter von 380-200 v. Chr. Somit ist davon auszugehen, dass man den Mann innerhalb des Gebäudes bestattet hat.

Über die Hintergründe und Ursachen dieses Vorgehens gibt der archäologische Befund keine Aufschlüsse. Man kann aber auf jeden Fall von einer Sonderbestattung sprechen, da in der Fritzens-Sanzeno-Kultur die Brandbestattung üblich war. Ausnahmen gab es aber offenbar, immerhin kennt man einen ähnlichen Befund aus Brixen-Stufels (Südtirol), wo in einem eisenzeitlichen Gebäude zwei Personen – eine an den Händen gefesselt – in einer Grabgrube unterhalb des Fußbodens ihre letzte Ruhestätte fanden.

Die Bedeutung der freigelegten Baureste hat die Auftraggeber des Bauprojektes dazu bewogen, eine Umplanung vorzunehmen. Den ausgeschriebenen Architektenwettbewerb gewann 2012 Rainer Köberl (Innsbruck), der in seinem Projekt das rätische Haus in die moderne Verbauung integriert, wobei die Sichtbarkeit der Ruine nicht nur in der geplanten Tiefgarage selbst gewährleistet ist, sondern auch vom darüberliegenden zentralen Platz aus ein „Blick in die Geschichte“ möglich sein wird. Innerhalb des neuen Gemeindezentrums soll den BesucherInnen Wissenswertes zu den Grabungen mit modernen Präsentationsformen vermittelt werden. Mit der Umsetzung dieses für die archäologische Denkmalpflege spannenden Projekts wird 2013 begonnen.