„Facelifting“ für eine elegante 100-Jährige

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Am 28. Oktober 1912 nahm die Mittenwaldbahn auf der Strecke Innsbruck/Wilten – Scharnitz – Mittenwald ihren Betrieb auf. Eine der kühnsten Eisenbahnbrücken, die Schlossbachbrücke zwischen Hochzirl und Leithen wurde im Jubiläumsjahr erstmalig umfassend statisch und technisch saniert.

Seit dem Jahr 2000 steht die Mittenwald- und Außerfernbahn als Bahnstrecke mit zahlreichen Kunst- und mehreren Hochbauten unter Denkmalschutz, da sie als erste elektrische Vollbahn mit Normalspur (1.435mm) in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie als technische Pionierleistung gilt. Das eigens am Ruetzbach am Eingang des Stubaitals bei Schönberg errichtete Ruetzkraftwerk versorgte die ursprünglich auch Karwendelbahn genannte Bahnstrecke mit Hochspannungs-Wechselstrom.

Wie so viele weitere Bahnstrecken verdankt die ab 1901 geplante und 1908/09 projektierte Mittenwaldbahn, auf der Strecke Innsbruck/Wilten – Scharnitz – Mittenwald, ihren Bau dem aus Bozen stammenden Eisenbahnpionier Ing. Josef Riehl. In nur zwei Jahren Bauzeit ab 1910 wurde die technisch aufwändige Strecke mit einer Maximalsteigung von 36,5 ‰ bei einem Höhenunterschied von 603 m, 16 Tunnels mit einer Gesamtlänge von 4,4 km, 18 Brücken und Viadukten mit einer Gesamtlänge von ca. 900 m errichtet. In einer unvorstellbaren Kraftanstrengung arbeiteten in den Sommermonaten ca. 2500, im Winter rund 800 Arbeiter an den einzelnen Streckenabschnitten im exponierten Gelände. Neben dem Martinswandtunnel mit 1810 m Länge bildet die Schlossbachbrücke, die zweithöchste Eisenbahnbrücke Tirols, einen Höhepunkt der Streckenführung der Mittenwaldbahn.

Die Schlossbach(graben)brücke ist ein Bogenfachwerk aus Stahl mit ca. 56 m Spannweite, das die rund 70 Meter tiefer gelegene Schlucht des Schlossbaches zwischen Hochzirl und Leithen/Reith bei Seefeld überspannt. Als Tragsystem wurde ein genieteter, ca. 4,5 m hoher Fachwerkbogen mit aufgeständerter Fahrbahn gewählt.

Bis auf die üblichen Instandhaltungsmaßnahmen (z.B. Erneuerung des Korrosionsschutzes 1978) sind bisher keine gravierenden Baumaßnahmen notwendig gewesen. Die nun ab April 2012 bis September 2012 durchgeführten Instandsetzungsarbeiten betrafen Stahlverstärkungen am Tragwerk, die Kompletterneuerung der beiden Endquerträger und Brückenlager, den teilweisen Ausbau von über 2000 Nietverbindungen und deren Ersatz durch Schrauben beim Einbau von Verstärkungslaschen, die Montage eines neuen Fahrleitungsmastes in der Brückenmitte und die Erneuerung des Korrosionsschutzes des gesamten Tragwerks. An den Widerlagern wurden die Lagerbänke erneuert und Teile der anschließenden Flügel- und Stützmauern neu errichtet.

Die im heurigen Sommer spektakulärste denkmalpflegerische Baustelle in Tirol war in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung: In dieser exponierten Lage waren die Errichtung eines Bau- und Schutzgerüstes in und um die Brückenkonstruktion, die Anlieferung von Baumaterial und die beengten Platzverhältnisse zur Baustelleneinrichtung, die Sicherheits- und Warnvorrichtungen für die Bauarbeiter während des laufenden Bahnbetriebes und schließlich auch die Schutzvorkehrungen für das umliegende Naturschutzgebiet zu bewältigen. Doch wie groß müssen erst die Herausforderungen vor 100 Jahren gewesen sein, als die Bahnstrecke und speziell diese Brücke errichtet wurden! Heute lässt sie nicht nur Eisenbahnerherzen höher schlagen, sondern imponiert durch die Verbindung von Technik und Ästhetik.

Links:

www.mittenwaldbahn.info de.wikipedia.org

Literaturhinweise:

Denoth – Ditterich – Hussl – Petrovitsch – Schulze – Sprenger: Zwischen Martinswand und Wetterstein - die Mittenwaldbahn (Jubiläumsband, in Druck) Günter Denoth, Entlang der Martinswand. Die Mittenwaldbahn, Erfurt 2012 ARGE 100 Jahre Karwendelbahn (ESV Innsbruck Sektion Modellbau): 1912 – 2012. 100 Jahre Karwendelbahn, Innsbruck 2011 Angela Jursitzka, Helmut Pawelka: Bahn im schroffen Fels. Die Geschichte der Mittenwald- und Außerfernbahn, Düsseldorf 2011 Elisabeth Baumgartner: Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol, Innsbruck 1990, S. 148f. ÖBB: Festschrift 75 Jahre Mittenwaldbahn, Innsbruck 1987 Siegfried Bufe: Karwendelbahn. München – Garmisch/Partenkirchen – Innsbruck. Stuttgart 1977. Wolfgang Krutiak: Mittenwaldbahn, Wien 1976