Alles auf Schiene - Der Salzburger Hauptbahnhof

Eisen-Glaskonstruktion über Bahnsteig
Mit der provisorischen Wiedereröffnung der Eingangshalle Mitte Juli und der Fertigstellung der Stahlhalle über dem Mittelbahnsteig Ende August dieses Jahres trat der Umbau des Salzburger Hauptbahnhofes in seine für die Denkmalpflege entscheidende Phase. Wie gut ist die Verbindung von historischer Substanz und moderner Verkehrstechnik geglückt? Welche historischen Schätze konnten im Zuge der Sanierung wieder freigelegt werden? Was ging bei diesem Großumbau verloren?

Der Salzburger Bahnhof: Beständigkeit in der Veränderung

Der Salzburger Hauptbahnhof blickt auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück. Ihren ersten Bahnhof - und damit einen entscheidenden wirtschaftlichen Impuls und Anschluss an die neue Welt des Reisens, des Transports und der Technik - erhielt die Stadt Salzburg 1860, als sowohl der Bauabschnitt von Linz nach Salzburg der Kaiserin-Elisabeth-Westbahn als auch die weiterführende Strecke nach München fertig gestellt wurden. Von diesem ersten Bahnhof sind heute noch der Bahnsteig 1 und das Hauptgebäude mit den beiden Seitentrakten - errichtet nach Plänen des Architekten Franz Rudolf Bayer - erhalten. Archäologische Grabungen in der Schalterhalle brachten zudem 2010 die Grundmauern der ursprünglichen Eingangshalle wieder zum Vorschein.

Schon 1906/07 erfolgte unter Ladislaus Friedrich von Diószeghy, Mitarbeiter der k. k. Staatsbahnen, ein großzügiger Umbau, der den Bahnhof dem vermehrten Verkehrsaufkommen anpassen sollte. Denn mit der Eröffnung der Giselabahn (Salzburg-Bischofshofen-Innsbruck) 1875 und der Errichtung der Tauernbahn (1901-1909) wurde der Salzburger Bahnhof zu einem Verkehrsknoten mit entsprechenden Passagierzahlen.

In der Mitte des Hauptgebäudes entstand 1906/07 die heute noch bestehende Eingangs- und Schalterhalle. Ein Mittelperron, an dem zu beiden Seiten Gleise vorbeiführten, wurde geschaffen und über drei Tunnel mit der Eingangshalle verbunden. Auf dem Mittelperron wurde neben Fahrdienstleitung und Warteräumen auch ein Restaurant mit einer der Zeit entsprechenden jugendstilartigen Einrichtung mit Wandvertäfelungen, gemaltem Fries und kassettierten Stuckdekorationen untergebracht. Ein eindrucksvolles dreischiffiges Stahlfachwerk überspannte den 52 m breiten Bahnsteig zu beiden Seiten dieses Bahnsteiggebäudes.

Im Zweiten Weltkrieg war der Hauptbahnhof als Verkehrsknoten ein Hauptangriffsziel Alliierter Bomberangriffe auf Salzburg. In den letzten Kriegsmonaten wurde der Mittelbahnsteig schwer beschädigt und die repräsentative Ausstattung des Bahnhofsrestaurants zerstört. Das Restaurant wurde beim Wiederaufbau in der Nachkriegszeit neu gestaltet: Durch großzügigen Einsatz von Adneter Rotmarmor – der eigentlich für den sog. „Führerbahnhof“ bei Schloss Klessheim vorgesehen gewesen gewesen sein soll – entstand 1949 der „Marmorsaal“, jahrzehntelang aufgrund seines geschmackvollen Ambientes ein Schmuckstück der Salzburger Gastronomie.

Vom Kopfbahnhof zur mitteleuropäischen Verkehrsdrehscheibe: Ein schwieriger Kompromiss

Im Zuge der Modernisierung der Westbahnstrecke wurde seit den 1970er Jahren auch der Umbau des Salzburger Hauptbahnhofes zum Thema, der von einem Kopfbahnhof zu einem Durchgangsbahnhof umgebaut werden sollte.

In einem Vergabeverfahren der ÖBB wird schließlich 1999 das Umbauprojekt der Architekten Klaus Kada und Gerhard Wittfeld ausgewählt, das zunächst noch massive Eingriffe in die Denkmalsubstanz vorsah. So war der weitgehende Verlust der historischen Stahlhalle über dem Mittelbahnsteig ebenso geplant wie eine moderne Neugestaltung der Eingangshalle.

Aber mit Bescheid des BDA vom 8. April 1998 war inzwischen der denkmalgeschützte Bestand der Bahnhofsanlage klar umrissen: das Aufnahmegebäude, die repräsentative Hallenkonstruktion über dem Mittelbahnsteig und auch der Marmorsaal des Bahnhofsrestaurants wurden als erhaltungswürdig definiert.

Schon in der folgenden Planungsphase brachte das BDA seine Vorstellungen ein und führte schließlich gemeinsam mit den ÖBB eine denkmalpflegerische Fachplanung durch, um den geschützten Bestand trotz der massiven Umbauten zu bewahren.

Nicht überall gelang diese Erhaltung aber auch: So wurde der Marmorsaal trotz der Einschaltung des Denkmalbeirates schließlich – da als Neubau der Nachkriegszeit nicht Teil des ursprünglichen Bestandes - vom BDA zum Abbau freigegeben. Er wurde zumindest eingelagert und wartet nunmehr auf seine Aufstellung an einem anderen Ort. Für viele Salzburger bedeutete dies einen herben Verlust, symbolisierte doch gerade der Marmorsaal den „alten“ Salzburger Bahnhof.

Dank der denkmalpflegerischen Fachplanung konnten aber die wesentlichen noch vorhandenen Elemente der historischen Bahnhofsanlage gesichert und in das neue Bahnhofskonzept integriert werden. Für den Bauherren wiederum erbrachte diese Fachplanung klare ökonomische und zeitliche Aussagen für den Bau- und Sanierungsablauf im denkmalgeschützten Teil des Bahnhofes und damit ein hohes Maß an Planungssicherheit.

Die Historische Stahlhalle

Nach dem offiziellen Spatenstich im November 2008 begann 2009 der tatsächliche Umbau mit dem Abbruch des Mittelperrons und der Einlagerung seiner historisch bedeutsamen Teile. Die Denkmalpflege stand dabei vor der Herausforderung, die historische Stahlhalle – den Mittelteil der ursprünglich dreischiffigen Stahlfachwerkkonstruktion auf Gusseisen-Stehern - über dem Mittelbahnsteig soweit zu sanieren und zu ertüchtigen, dass sie auch weiterhin ihre Aufgabe erfüllen konnte. Dazu wurde die Konstruktion vermessen, wissenschaftlich untersucht, abgetragen und in rund 2500 Einzelteilen auf 22 Tiefladern nach Kattowitz (Polen) transportiert. Dort wurden Rost und moderne, graue Anstriche abgenommen und die elfenbeinfarbene Erstfassung konserviert. Schadhafte Teile wurden saniert, die Konstruktion insgesamt durch neue Querstreben verstärkt.

Mitte Februar 2011 begann die Wiederaufstellung der mehr als 100 Jahre alten Dachkonstruktion der Mittelhalle auf den historischen gusseisernen Stehern. Als besonderes Problem erwies sich, dass die Halle beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg leicht verbogen aufgestellt worden war: Ein Zustand der auch bei der jetzigen Wiederaufstellung beibehalten werden musste, da die Teile sonst nicht mehr zusammengepasst hätten.

Der Neuanstrich der Konstruktion erfolgte wieder im gebrochenen Weiß der ursprünglichen Farbgebung. Ein modernes Glasdach ergänzt und verlängert die historische Konstruktion entsprechend den neuen Bedürfnissen.

Eine Regensburger Spezialfirma restaurierte die Zierelemente am Dach der Halle, so einen monumentalen doppelköfigen Adler und zwei geflügelte Räder als Symbol der Eisenbahn.

Verbaute Schönheit wieder gewonnen: Die Eingangshalle

Wird schon die Dachkonstruktion des Mittelbahnsteiges viel vom Flair vergangener Zeiten wiedergeben, gilt das umso mehr für die Eingangshalle. Sie war in den letzten Jahrzehnten durch Einbauten, großflächige Kunststoffverplattungen und Werbeflächen zu einer gesichtslosen Allerweltshalle verkommen.

Hatte die ursprüngliche Umbauplanung noch eine sehr kühle und der modernen Ästhetik verpflichtete Neugestaltung der Halle vorgesehen, gelang es gemeinsam mit den ÖBB letztlich eine großzügige Rückführung zum historischen Aussehen umzusetzen. Im Zuge der Voruntersuchungen hatte sich gezeigt, dass hinter den Verblendungen und Verbauten vieles von der historischen Ausstattung der Halle erhalten geblieben war: Neben dem Jugendstil-Wanddekor mit Stuckleisten wurden auch zehn alte Fliesenbilder aus Keramikkacheln mit Salzburg-Motiven (z.B. Hellbrunn, das Landeswappen, Ansichten aus Gastein) wieder freigelegt und restauriert. Das verloren gegangene Bild der Festung Hohensalzburg wurde nach alten Fotos neu hergestellt.

An die Stelle der modernen Industrieverglasung wurden wieder Original- Fensterscheiben in die großen Bogenfenster der Halle gesetzt, die zahlreichen Einbauten und Werbeflächen wurden stark reduziert.

Schon die Musterachsen zeigten 2009, welchen optisch-ästhetischen Gewinn die Wiederherstellung des historischen Erscheinungsbildes der Halle bringen würde, die Zustimmung der ersten Bahngäste bei der Wiedereröffnung war begeistert - und zugleich verblüfft über die so lange verborgenen Schätze.

Integration des historischen Bestandes statt moderner Standardbahnhof

Der Umbau des Salzburger Hauptbahnhofes zeigt, dass auch bei Großbauprojekten im öffentlichen Verkehr eine Verbindung des historischen Bestandes mit moderner Technik und zeitgemäßer Verkehrsführung möglich ist. Detaillierte Vorarbeiten, eine präzise denkmalpflegerische Fachplanung und der Wille zur gemeinsamen Umsetzung waren die Voraussetzungen, dass viel vom „Denkmal Hauptbahnhof“ erhalten und zum Teil sogar wiedergewonnen werden konnte.

Die Arbeiten am Salzburger Hauptbahnhof werden noch bis 2014 andauern. Dann wird Salzburg über einen modernen Durchgangsbahnhof mit neun Bahnsteigen an der europäischen Hauptverkehrsachse von Paris nach Budapest verfügen – und über einen Bahnhof, der verkehrstechnische Leistungsfähigkeit und Funktionalität mit dem historischem Flair und der Ästhetik der Frühzeit des österreichischen Eisenbahnwesens verbindet.