Alter Meister neu entdeckt!

Malerei auf Wand, Blumen auf gemalter Architekturgliederung
Sensationeller Fund einer barocken Wandmalerei in der Pfarrkirche von Parndorf! Ein Werk des Tiroler Barockkünstlers Johann Gfall wird derzeit freigelegt.

Die Pfarrkirche Hl. Ladislaus in Parndorf wurde als Stiftung der Familie Harrach nach Plänen Johann Lucas von Hildebrandts 1716-18 unter Einbeziehung eines romanischen Vorgängerbaus errichtet und gehört zu den wichtigsten barocken Kirchenbauten des Burgenlandes. Im Jahr 2008 wurde seitens der Pfarre an das Bundesdenkmalamt der Wunsch nach einer dekorativen Neufassung der Raumschale herangetragen. Daraufhin regte das Landeskonservatorat Nachuntersuchungen einer unter späteren Ausmalungen liegenden barocken Apsismalerei an, die um 1990 entdeckt, jedoch wegen der Kosten und aus restauriertechnischen Gründen damals nicht freigelegt wurde. Die erneute Prüfung brachte erstaunliche Ergebnisse zutage: Es stellte sich heraus, dass es sich um künstlerisch bedeutende und weitgehend ohne Fehlstellen erhaltene Freskomalereien (ca. 220 m2) aus barocker Zeit handelt, die seit 2008 mithilfe der neuesten Restaurierungstechniken in Etappen freigelegt werden.

Wer war der Schöpfer dieser herausragenden Wandmalereien? Jüngere Forschungen* im Familienarchiv der Grafen Harrach lassen den Schluss zu, dass die Wandmalereien 1768/69 vom Tiroler Künstler Johann Gfall geschaffen wurden. Dieser vielseitige Künstler, der bisher von der einschlägigen kunsthistorischen Forschung lediglich am Rande gewürdigt wurde, stammte aus dem Tiroler Kaunertal, wo er am 7. Oktober 1725 geboren wurde. Seine wenigen erhaltenen Werke weisen ihn als Meister aus, der mit großer technischer und künstlerischer Routine barocke Konzepte und Bildprogramme mit neoklassizistischen Tendenzen umsetzte. Daneben betätigte er sich auch als Architekt und als Graphiker. In Wien lernte er 1744/45 an der kaiserlichen Akademie, die zu dieser Zeit von Jacob van Schuppen (1670 – 1751) geleitet wurde. Neben Johann Gfall war etwa Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg (1732 – 1817), für den er später auch Bauzeichnungen verfertigen sollte, Schüler der von Van Schuppen eingeführten Architekturklasse. Als die Akademie 1746 aus der Direktionswohnung der Hofbibliothek ausziehen musste, wo sie seit 1739 beheimatet war, wurde der Betrieb eingestellt. Daraufhin wurde der junge Tiroler kurze Zeit Zeichenlehrer am 1742 gegründeten Waisenhaus am Rennweg. Dann folgten weitere Studien in Architektur und Architekturmalerei beim Theatermaler Antonio Galli-Bibiena (1697 – 1774), ehe Gfall 1749 den Unterricht an der in den Hofstallungen neu eröffneten Akademie fortsetzen konnte. 1750 erhielt er den 1. Preis für Architektur im Wettbewerb zur Errichtung eines „Theatrum für einen regierenden Hof“. Als Schüler der Akademie wurde Gfall bereits 1752 neben seinem Landsmann Melchior Hefele (1716 – 1994) Kandidat für die Aufnahme als wirkliches Mitglied der Akademie. Ein reges Wanderleben führte ihn nach Deutschland, Italien und Paris, wo er sich 1755 bis 1757 als Theatermaler beim Theaterarchitekten des französischen Königshofes, Giovanni Niccolò Servandoni (1695 – 1766) weiterbilden konnte. Erst am 17. Dezember 1757 übergab Gfall, zurückgekehrt aus Paris, der Wiener Akademie sein Aufnahmewerk, ein Entwurf für eine Triumphpforte. Das Mitgliedsdekret erging Anfang 1758 an Gfall. Die Verbote, die 1726 in Statuten für Mitglieder der Akademie festgelegt worden waren, wie etwa „Ordinarikutschen“ zu bemalen, öffentliche Theater „auszuzieren“ oder Häuser „auszuweißen“, galten damals längst nicht mehr – tatsächlich sollte Gfall, vergleichbar seinen Lehrern Galli-Bibiena und Servandoni auch als Theatermaler Bedeutung erlangen. Den künstlerischen Schwerpunkt seiner Tätigkeit sollte fortan die Dekorationsmalerei bilden: Ähnlich wie sein Zeitgenosse Josef Adam Mölk (1714 – 1794) fügt Gfall in der Tradition Paul Trogers Szenerien in kühne Scheinarchitekturen und gemalte Stuckaturen ein.

Um 1760 war Gfall in Ungarn tätig, wo er das 1945 zerstörte Kuppelfresko für die Trinitarierkirche in Óbuda (Kiscelli) unter der Mitwirkung von Franz Anton Maulbertsch (1724 – 1796) gestaltete. Die kühn gemalte Architektur in Quadraturtechnik geht auf den Tiroler zurück. In den kommenden Jahren hielt Gfall sich in Wien auf, wo er Aufträge des Wiener Hofs und des Hochadels erhielt: Beliebt waren seine ephemeren Festdekorationen, etwa 1765 im Auftrag der Grafen Schönborn für die Krönungsfeierlichkeit von Kaiser Joseph II. in Frankfurt. In diesem Jahr ging Gfall nach Klagenfurt, wo er neben Theaterdekorationen für den Bibliothekssaal und das Refektorium von Stift Viktring einen reichen Freskenschmuck schuf: Das 1978 freigelegte Fresko in der Bibliothek zeigt im Detail mit den Kirchenvätern Augustinus und Ambrosius die Könnerschaft des Tiroler Künstlers. 1765 dekorierte Gfall auch das damals neu von Lorenz Prager (1720 – 1791) in Laibach (Ljubljana, Slowenien) erbaute, heute nur noch in Plänen überlieferte Theater für 850 Personen – der Bau wurde zu Ehren des Kaiserpaares in kürzester Zeit errichtet. Auch in Wien (Hochaltar der Kalvarienbergkirche in Wien-Hernals), Niederösterreich (Pfarrkirche und Augustinerkirche in Bruck an der Leitha für die Grafen Harrach, Schlosskapelle Retz für die Grafen Gatterburg) und der damaligen ungarischen Krönungsstadt Pressburg (Pozsony, Bratislava, Slowakei – ein Entwurf für ein Deckengemälde „Huldigung Maria Theresias durch die Stände“ hat sich in den Sammlungen von St. Paul im Lavanttal erhalten) sind weitere Arbeiten von der Hand Gfalls belegt, jedoch nicht mehr erhalten. Für die Grafen Harrach sollte Gfall um 1769 in den Pfarrkirchen von Parndorf und dem benachbarten Neudorf arbeiten. In dieser Zeit war er intensiv in der Gegend um den Neusiedlersee tätig: damals entstanden etwa auch die Apsismalereien in der Pfarrkirche bei Jois, einer Kirche unter kaiserlicher Patronanz. Um 1773 erhielt Gfall den ehrenvollen Auftrag, Refektorium und Kirchengang des damals neu gestalteten Zisterzienserklosters Fürstenzell (Bayern) mit Wandmalereien auszustatten: Im Deckenfresko, die Wände sind mit Architekturmalerei versehen, ergießt die Religion das Füllhorn ihres Segens. Bald danach ist Gfall wieder in Wien nachweisbar: Im Zuge von Umbaumaßnahmen am Wiener Schottenstift schuf er 1775 für sechs Nischen an der Gartenmauer gegen das neu errichtete Prioratshaus, im Volksmund als „Schubladkastenhaus“ bekannt, heute nicht mehr erhaltene Szenen aus dem Leben des hl. Benedikt. Beispiele des graphischen Schaffens von Gfall finden sich in der Graphischen Sammlung des Deutschen Hochstifts (Theaterdekorationen), in der Kunstbibliothek Berlin, in der Sammlung des Stiftes Sankt Paul im Lavanttal (sechs Zeichnungen mit Szenen aus dem Leben des hl. Benedikt – eventuell die Entwürfe für die nicht mehr erhaltenen Arbeiten für das Wiener Schottenstift?), und in Wiener Sammlungen, etwa im Kupferstichkabinett der Akademie der Bildenden Künste oder im Wien Museum: Eine Gouache, die als Vorlage für einen Kupferstich dienen sollte, zeigt in einer Ansicht mit Vedutencharakter den feierlichen Einzug der Isabelle von Bourbon-Parma in Wien anlässlich ihrer Hochzeit mit dem Thronfolger Erzherzog Joseph, dem nachmaligen Kaiser, im Oktober 1760. Zehn Jahre später schuf Gfall ein Aquarell mit der Darstellung eines vom französischen Botschafter im Garten des Palais Liechtenstein anlässlich der Vermählung Erzherzogin Maria Antonias mit dem Dauphin veranstalteten Festes. 1769 publizierte Mathias Fuhrmann in der Allgemeinen Kirchen- und Weltgeschichte von Österreich einen Rekonstruktionsversuch Gfalls für das Heidentor bei Carnuntum – ein Hinweis auf sein durchaus zeitgemäßes Interesse für die klassische Architektur der Antike. Eines seiner letzten überlieferten Projekte ist der 1796 datierte Vollendungsplan für die Michaelerfront der Wiener Hofburg. Als Schauseite gegen die Stadt und repräsentativem Zugang zur kaiserlichen Burg musste jeder Planer von der seit 1735 als Torso stehen gebliebenen Fassade des Joseph Emanuel Fischer von Erlach ausgehen. Neben Jean-Nicolas Jadot und Balthasar Neumann beschäftigte sich auch Gfall mit Planungen für den Baukörper zwischen Reichskanzleitrakt und Winterreitschule. Im Vergleich mit der erst 1898 von Ferdinand Kirschner (1821 – 1896) fertig gestellten Fassade findet sich im heute in der Albertina bewahrten Entwurf unseres barocken Meisters statt der hohen Mittelkuppel lediglich ein Mittelrisalit mit giebelbekrönter Tempelfront. Nach Renate Wagner-Rieger werden hier „neoklassizistische Tendenzen“ sichtbar, die Gfall durch seine Schulung an der französischen Architektur erworben hatte. Der Künstler starb am 15. April 1799 in Wien.

Wie kam Johann Gfall nach Parndorf? Er hatte bereits im Herrschaftsbereich der Grafen Harrach, in Bruck an der Leitha gearbeitet und für die dortige Augustinerkirche einen Hochaltar in Freskotechnik geschaffen. Für die ebenfalls nicht mehr bestehenden Fresken der Pfarrkirche des Nachbarortes Neudorf legte Gfall den Patronatsherren zu Beginn des Jahres 1770 die Rechnung, die im Familienarchiv Harrach bewahrt wird. In Parndorf sollte Gfall kurz zuvor ein im Hinblick auf seine Ausbildung und sein sonstiges Oeuvre charakteristisches Werk erschaffen: 1768/69 entstanden die Wandmalereien, die den flachen Chorabschluss hinter dem 1723/24 errichteten Hochaltar zu einem trompe loeil-artig d.h. das Auge täuschenden, gemalten, lichtdurchfluteten Kuppelraum erweitern. Die gemalten Assistenzfiguren Petrus und Paulus über den Opfergängen wurden später durch geschnitzte Figuren verdeckt. An der bisher noch nicht frei gelegten Decke findet sich eine illusionistische Erweiterung in den Himmelsraum, an den Seiten ein reicher gemalter Dekor. In den späten 1760er Jahren entstanden die beiden Seitenaltäre.

In diesen Zeitraum fällt auch die Entstehung der Wandmalereien in der Pfarrkirche von Jois, die nach de Luca ("Das gelehrte Oesterreich," 1778) ebenfalls von Johann Gfall stammen. Im Vergleich zeigen die Apsismalereien eine große Verwandtschaft: Markant die kühle Farbigkeit in hellem Grün und Rosa, in der die gemalte Architektur farblich abgestimmt ist. Diese in den Klassizismus vorausweisende Farbigkeit ist ebenfalls in den 1767 datierten Fresken von Johann Lukas Kracker in der Pfarrkirche von Japons (Ungarn) zu sehen. In Jois und in Parndorf findet sich das für die josephinische Epoche typische Motiv des Lorbeerstabs, der Szenen bzw. Fensteröffnungen umrahmt. Gekonnt setzt Gfall in beiden Werken duftig wirkenden Blumenschmuck in vor die Architektur gesetzte Vasen. Dieser Kontrast zwischen stofflich wiedergegebener Natur in vor Perspektivmalerei gesetzte Vasen ist auch in der Kapelle der Erzbischöflichen Sommerresidenz in Pressburg zu sehen, die von Gfalls Lehrer Galli-Bibiena gestaltet wurde. Eine Motivik, die von Gfall, der ebenfalls in Pressburg gearbeitet hat, offenbar gerne übernommen wurde. Am auffälligsten ist der Zahnschnittfries, der in Jois und in Parndorf die Kuppeln umsäumt. Diese die Wirklichkeit gekonnt vortäuschenden Motive wirken in Jois durch mehrfache Überarbeitungen weniger atmosphärisch, während in Parndorf die technische Finesse des Künstlers im Umgang mit Licht- und Schattenwirkungen noch deutlich erkennbar ist. Vergleichbares findet sich etwas später im Deckenfresko des Festsaals der Bischöflichen Residenz in Szombathely (Steinamanger, Ungarn), das 1783 von Franz Anton Maulbertsch und seiner Werkstatt geschaffen wurde. Ob Gfall nach der Kooperation in der Trinitarierkirche in Obuda nochmals mit Maulbertsch zusammengearbeitet hat, ist derzeit jedoch nicht belegbar.

Die bisher aufgedeckten Malereien lassen die künstlerische Qualität und die routinierte Arbeitsweise von Johann Gfall erkennen. Die Präsentation eines der letzten erhaltenen Werke des zu seiner Zeit hoch angesehenen Tiroler Meisters soll nach der vollendeten Freilegung, Kittung sowie behutsamen Retuschen erfolgen. * Eine entsprechende Publikation von Franz Hillinger ist in Arbeit. Außerdem sei Zdislava Röhsner, Wilhelm Georg Rizzi sowie Ernst Lux für die Unterstützung bei der Entstehung dieses Beitrags gedankt!