Te saxa loquuntur – Von Dir sprechen die Steine: Das Salzburger Neutor

Große Tunelöffnung im Fels mit gestaltetem Portal mit Skulptur
Viele Salzburger kennen es als enge und häufig überlastete Verkehrsverbindung aus der Altstadt in die westlichen Stadtteile. Aber das Neutor unter dem Mönchsberg ist auch eines der bemerkenswertesten Denkmäler Salzburgs: Nicht nur der Tunnel, auch die Portale wurden zwischen 1764 und 1768 direkt aus dem Felsen geschlagen. Als Felsenarchitektur zählt das Neutor damit zu jenen weltweit seltenen Kulturdenkmälern, die direkt aus dem gewachsenen Stein herausgearbeitet wurden.

Ein Tunnel als Stadttor für die Stadterweiterung

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts bildete der Mönchsberg eine schwer zu überwindende Schranke zwischen der Stadt Salzburg und den westlichen Vororten. Im Hinblick auf eine Stadterweiterung sowie aus militärischen Gründen war bereits im 17. Jahrhundert eine Durchtrennung des Berges ins Auge gefasst und dazu mit einem Steinbruch im Bereich des jetzigen Tors begonnen worden, der zu einem allmählichen Durchbruch führen sollte. Als unter Fürsterzbischof Sigismund Graf Schrattenbach 1759 das Projekt des Mönchsberg-Durchbruchs erneut aufgegriffen wurde, entschied man sich aus Kostengründen zunächst für Errichtung eines Stollens – als Provisorium. Unter Leitung des Baukommissars Elias Edler von Geyer wurde das Vorhaben 1764 begonnen und am 2. September 1765 erfolgte nach etwa 15monatiger Bauzeit der Durchstich des Tunnels zwischen Hofreitschule und Riedenburg.

Weitere drei Jahre wurden für die Fertigstellung und die künstlerische Gestaltung der Tunnelportale benötigt, die von den Brüdern Hagenauer geschaffen wurden: Wolfgang Hagenauer zeichnete für die Architektur verantwortlich, die figuralen Reliefs und Skulpturen schuf sein Bruder Johann Baptist aus Untersberger Marmor.

Die Portale wurden großteils direkt aus dem Konglomeratfelsen des Mönchsbergs herausgeschlagen, bedingt durch die Sedimentschichtung des Felsens mussten sie aber an mehreren Stellen mit Werksteinen ergänzt werden.Über dem Portal an der Altstadtseite wurde ein wuchtiges Felsgebälk aus dem Berg herausgearbeitet, das mit einer Balustrade abschließt. Vor diesem heutigen Ostportal war ursprünglich ein weiterer Torbogen angebracht, der die Rückwand der Pferdeschwemme mit dem Hofmarstall verband, sodass der Platz um die Pferdeschwemme ein geschlossenes Bild bot - diese städtebauliche Einheit ist durch den Abbruch des zweiten Torbogens um 1860 heute leider verloren.

An der Westseite fasst eine rundbogige Nische das Portal mit seiner bekrönenden Figur ein. Geplant war an diesem Tunnelausgang auch ein militärisches Vorwerk in künstlerisch verbrämter Form eines Ruinenparks, jedoch kam die Umsetzung dieses Plans über zwei Ruinen-Obeliske rechts und links des Portals nicht hinaus.

Der Fürst feiert seine Leistung

Die als triumphale Torbauten gestalteten Tunnelzugänge sollten mit ihrer künstlerischen Gestaltung den Ruhm des Bauherrn verkünden. An beiden Tunnelzugängen ließ Fürsterzbischof Schrattenbach seine Tat als Tunnelbauer selbstbewusst feiern. Über dem altstadtseitigen Portal wurde sein Relief-Brustbild angebracht, die lateinische Inschrift „Te saxa loquuntur“ („Von Dir sprechen die Steine“) erinnert noch heute an den Bauherrn, nach dem das Neutor auch als Siegmundstor bekannt ist.

Das Portal an der Riedenburgseite wurde mit einer Statue des Hl. Sigismund, eines Burgunderkönigs aus dem 6. Jh. und des Namenspatrons Schrattenbachs, mit Kriegstrophäen und dem Wappen Schrattenbachs bekrönt und trägt die Inschrift „D(eo) O(ptimo) M(aximo) - D(ivino) Sigismundo M(artyri) publico bono, commodo decori. SIgIsMVnDI ArChIepIsCopI SaLzbVrgensIs P(rincipis) S(acri) R(omani imperii) comitib(us) de Schrattenbach aeternae memoriae W(olfgangus) Hagenauer archit(ectus)“ („Gott, dem Größten und Höchsten - Den heiligen Märtyrer Sigismund gestaltete dem Staat gefällig für Sigismund, Erzbischof von Salzburg und Fürst des Heiligen Römischen Reiches aus dem Geschlecht der Grafen von Schrattenbach, zur ewigen Erinnerung der Architekt Wolfgang Hagenauer“). Die Großbuchstaben der Inschrift ergeben dabei als römische Ziffern addiert die Jahreszahl 1767.

Aber auch der Bildhauer verewigte sich: An der Plinthe der Statue ist zu lesen „Joan(nnae) Hagenauer inv(enit) exc(ussit) et eff(ecit)“ („Johann Hagenauer hat (diese Statue) erfunden, herausgebrochen und vollendet“).

Der Zahn der Zeit fordert seinen Tribut

Das Neutor wurde zu einer der wichtigsten Verkehrsverbindungen der Stadt Salzburg, erübrigten sich doch mit seinem Bau weite Umwege nach Mülln oder ins Nonntal, um den Mönchsberg zu umgehen. Folgerichtig wurde der Tunnel in den folgenden Jahrhunderten für alle verkehrstechnischen Neuerungen ausgebaut. Dichter Autoverkehr und O-Bus-Oberleitungen prägen heute das Bild des Neutors, und im 20. Jahrhundert vervollständigten zwei kleinere Stollen für Fußgänger und Radfahrer rechts und links der Portale diese wichtige Verkehrsverbindung zwischen Altstadt und Riedenburg.Die Sanierung des Tunnels und der Portale wurde daher ebenso zu einer Herausforderung für die Denkmalpflege als auch für den innerstädtischen Verkehr. Denn 2009 machten herabbröckelnde Steinteile am Riedenburgportal deutlich, dass dringender Handlungsbedarf gegeben war. Der stark wechselnde Felsaufbau des Berges und seine unberechenbare Wasserführung, die Verkehrsbelastung, Umwelteinflüsse und das Alter des Bauwerkes hatten zu vielerlei Schäden geführt, die sofortiges Eingreifen verlangten. Lose Teile drohten auf die Fahrbahn zu stürzen, und eilig wurden im Herbst 2009 Gerüste und Netzsicherungen an den Portalen angebracht und in systematischer Arbeit detaillierte Bestandspläne erarbeitet und Schadenskartierungen vorgenommen.

Ziel der Restaurierung war neben der Bestandsicherung, den Charakter der Portalarchitektur und der applizierten Skulpturen zu erhalten bzw. an die ursprüngliche Gesamterscheinung heranzuführen. Für die umfassende Reinigung der Portalanlagen mussten mittels substanzschonender Verfahren Schmutzlagen und Sinterkrusten entfernt sowie durch Kompressenauflagen Schadsalze aus dem Steingefüge extrahiert werden. Weiters galt es den teilweise das Originalmaterial des Konglomerat-mauerwerks sprengenden Bewuchs (Wurzelstöcke) mechanisch zu entfernen. Die biogenen Belege wie Moose und Algen beseitigte man chemisch durch partielles Fluten mit Antimoos.

Die Absturzgefahr einzelner Teile ergab sich insbesondere durch rostende Verankerungseisen, andererseits durch eine Reihe hohl liegender Mörtelergänzungen aus Spritzbeton, die vor allem auf die letzte Generalsanierung 1985/86 zurückgehen. Viele der zu harten, den Feuchtigkeitsaustausch sperrenden und damit das Steinmaterial schwächenden Zementplomben waren bereits abgefallen und drohten abzuplatzen. Auch fehlten hier Armierungen zum Konglomeratgestein.

Durch Verschluss offener Fugen und Risse sowie die Klebung von Brüchen und den Ersatz korrodierender Armierungen in Nirosta als auch neu gesetzte Vernadelungen in Edelstahl oder Kohlefaser konnte die Originalsubstanz statisch gesichert werden. Daneben waren bestehende teilweise form- bzw. materialfremde Vierungen in Naturstein (Gollinger Konglomerat) oder Betonwerkstein zu sichern. Dazu zählt auch eine Steinplatten-Verblendung der Zone zwischen Portalnische und Balustrade. In der Substanz intakte Mörtelergänzungen beließ man ebenfalls und passte sie durch Retusche farblich dem Bestand an. Insgesamt waren alte und neue Fehlstellen mittels materialkonformem Naturstein und den Originalmaterialien angeglichenem Ergänzungsmörtel zu schließen. Der skulpturale Schmuck aus Untersberger Marmor (hl. Sigismund, Schrifttafeln, Wappen) musste zusätzlich an den abmehlenden Oberflächen gefestigt werden. Die kaum mehr erkennbaren Inschriften machte man durch Nachziehen mit dem Pinsel wieder lesbar. Weiters wurden, um Umwelteinflüssen vorzubeugen, Verblechungen erneuert und ergänzt bzw. einzelne Bereiche imprägniert.

Wichtiger Teil des UNESCO-Weltkulturerbes bewahrt

Wie die Salzburger Felsenreitschule oder die Katakomben im St.-Peter-Friedhof zählt das Neutor zu jenen weltweit seltenen Kulturdenkmälern, die direkt aus dem gewachsenen Stein herausgearbeitet wurden. Es bildet damit einen wesentlichen Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes der Stadt Salzburg. Die Restaurierung, eng begleitet von den Restaurierwerkstätten des BDA und auch großzügig aus Denkmalpflegemitteln des Bundes unterstützt, hat diese Meisterleistung barocker Kunst bewahrt und ihr wieder ein würdiges Aussehen gegeben.