Spuren einer Kirche

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Bei den jüngsten Grabungen im Rahmen des Forschungsprojektes zur Geschichte des Göttweiger Berges wurden auf dem Predigtstuhl erstmals Spuren der lange gesuchten mittelalterlichen Georgskirche entdeckt.

Der weithin sichtbare Göttweiger Berg an der Schnittstelle zwischen Donau- und Fladnitztal in Niederösterreich war bereits in der Urgeschichte ein prominenter Siedlungsplatz und ist heute vor allem durch den weitläufigen Stiftskomplex bekannt. Die lange „vorklösterliche“ Geschichte dieses historischen Ortes ist aber bislang kaum erforscht.

Im Rahmen eines Kooperationsprojektes zwischen dem Bundesdenkmalamt, dem Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien und dem Verein „Freunde der Kirche St. Georg auf dem Göttweiger Berg“ (Projektleitung: Christoph Blesl, Udo Fischer, Barbara Hausmair und Otto Urban) werden nun bereits seit mehreren Jahren archäologische Ausgrabungen auf dem südlichen Gipfel des Berges (Predigtstuhl) durchgeführt.

Die Grabungskampagne 2009 lieferte nun mit der Entdeckung der lange gesuchten Georgskirche einen ersten Höhepunkt der archäologischen Spurensuche. Erstmals wurden Baureste der in der „Vita“ des Heiligen Altmann 1135 erwähnten Kirche freigelegt, die bei den kriegerischen Auseinandersetzungen im Zuge der 1. Türkenbelagerung von Wien 1529 durch Streifscharen zerstört worden sein dürfte. Bei den Grabungen wurden zwei West-Ost orientierte Steinmauern freigelegt, die eindeutig als Fundament einer kleinen mittelalterlichen Kirche identifiziert werden konnten. Aufgrund jüngerer Störungen und Überlagerungen konnte die Gestalt des Chorabschlusses allerdings bislang nicht einwandfrei geklärt werden.

Im Innenraum der Kirche wurde ein Estrichboden aus Kalkmörtel freigelegt. Aus diesem stammt eine Silbermünze, ein sogenannter Wiener Pfennig, aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Dieser Fund passt gut zur historisch überlieferten letzten Neuweihung der Georgskirche im Jahr 1463, der eine Renovierung des Kirchenbaus vorangegangen sein dürfte. In einem Traufgraben neben dem nicht mehr erhaltenen Chorbereich konnten Überreste mehrere Säuglinge bzw. Frühgeburten geborgen werden; dabei handelt es sich wohl um sogenannte Traufbestattungen ungetaufter Kinder. Östlich der Kinderbestattungen wurde das West-Ost orientierte Grab eines Erwachsenen freigelegt.

Ob sich neben der Kirche auch ein regulärer Friedhof befunden hat, konnte noch nicht geklärt werden. Unterhalb des spätmittelalterlichen Estrichbodens der Steinkirche wurden zwei parallel verlaufende Gräbchen entdeckt, deren Orientierung etwas von jener der Steinmauern abwich. Hierbei könnte es sich um Überreste eines hölzernen Vorgängerbaus der Kirche handeln.

Neben der Suche nach der Georgskirche widmet sich das laufende Forschungsprojekt natürlich auch den anderen archäologischen Resten auf dem Predigtstuhl sowie der Aufarbeitung aller vorhandenen Schrift- und Bildquellen. Die jüngst entdeckten Reste der Georgskirche waren beispielsweise von der Aufschüttung einer Wallanlage aus napoleonischer Zeit überlagert, welche die Bergkuppe des Predigtstuhles rechteckig umfasste. Beim Bau dieses Befestigungssystems kurz nach 1800 war von der Kirche offenbar im Gelände nichts mehr zu sehen – das Steinmaterial war bereits für andere Gebäude „wiederverwendet“ worden. Neben diesem bemerkenswerten neuzeitlichen Wallsystem konnten bei den bisher fünf Grabungskampagnen auch zahlreiche Siedlungsspuren aus prähistorischer Zeit aufgedeckt werden, etwa aus der Frühbronzezeit (Unterwölblinger Kulturgruppe, um 2.000 v. Chr.), der Spätbronzezeit (Urnenfelderkultur, um 1.000 v. Chr.), der älteren (frühe Hallstattkultur, um 700 v. Chr.) und der jüngeren Eisenzeit (La-Tène-Zeit, 450–15 v. Chr.). Gerade in der Eisenzeit zählte der Göttweiger Stiftsberg zweifellos zu den zentralen Siedlungsplätzen im mittleren Donauraum. Zusammengefasst ist es mit dem laufenden Forschungsprojekt erstmals gelungen, Licht in die abwechslungsreiche Geschichte des Göttweiger Predigtstuhls zu bringen – nicht zuletzt auch dank der hervorragenden Kooperation der beteiligten Institutionen.