„…Wir selbst können nicht mehr in der Idylle sein…“

Landschaft mit der Bregenzer Achbrücke und einem Gebäude im Vordergrund
Rudolf Wackers „Bregenzer Achbrücke“ aus dem Jahr 1926 wurde als frühes Hauptwerk der Neuen Sachlichkeit unter Denkmalschutz gestellt und gelangte in eine prominente Wiener Privatsammlung.

„Wir selbst können nicht mehr in der Idylle sein. Wir stellen sie noch fest, in irgendeinem Winkel, als Rest, als Vergehendes, Vergangenes…“ schreibt Rudolf Wacker in einem Brief an einen Zeitgenossen und entlarvt damit die Idylle in seinen Gemälden als Schein. Die scheinbar wirklichkeitsgetreue Abbildung der Außenwelt basiert auf subjektiver Wahrnehmung, oft geprägt von unheilvollen Vorahnungen und Disharmonien. Rudolf Wacker, 1893 in Bregenz geboren und an der privaten Malschule von Gustav Bauer in Wien ausgebildet, hatte seine Erlebnisse während des 1. Weltkriegs und seiner beinahe fünfjährigen Kriegsgefangenschaft in Sibirien psychisch noch nicht überwunden, als er 1926 endgültig in seine Geburtsstadt zurückkehrte und dort die Bodensee-Künstlervereinigung „Der Kreis“ mitbegründete. Gleichzeitig erfolgte auch seine Hinwendung zur „Neuen Sachlichkeit“, als deren österreichischer Hauptvertreter er heute gilt und die ihm zu kunsthistorischem Ruhm verhalf.

In einer Zeit politischen Zerfalls und heftiger sozialer Konflikte war auch in Österreich der Wunsch nach Gegenständlichkeit, Klarheit und Beruhigung in der Kunst erwacht. Das Vokabular der neuen Stilrichtung sollte nicht nur Antwort auf die Formensprache des Expressionismus sein, sondern ein Versuch der „Konsolidierung“ und Wiederherstellung alter Werte und Ideale. Angestrebt wurde im Besonderen eine Konkretisierung und „Klärung“ im Sinne einer Vereinfachung der Naturformen.

Als erstes bahnbrechendes Werk der neuen Stilrichtung schuf Wacker 1926 nach fast einjähriger Schaffenspause und langem Experimentieren das Ölgemälde „Bregenzer Achbrücke“, das auch in der Fachliteratur besonders gewürdigt wird.

Eine pummelige Frau mit Strohhut und blauem Kleid passiert, einen Kinderwagen vor sich herschiebend und von einem weißen Hündchen gefolgt, das alte Gast- und Zollhaus und wird im nächsten Moment die Achbrücke überqueren. Wie durch einen Sog wird die Straße über die Brücke und weiter in die Bildmitte hineingeführt. Die beschaulich-ruhige Komposition erhält dadurch einen dynamischen Zug. Die Brücke verbindet die heiter anmutende figürliche Szene mit dem Gebirgspanorama im Hintergrund, das trotz der großen Entfernung in präziser Schärfe wiedergegeben ist.

Ein feiner Humor prägt die Szene, deren Protagonisten der Überlieferung nach die Bewohner des alten Wirtshauses darstellen. Erheiternd wirken auch die Bezeichnungen auf den Schildern sowie die zwergenhaft auftauchenden Hausdächer auf der gegenüberliegenden Seite der Ache. Die Mischung aus wirklichkeitsgetreuer Darstellung und ironischer Übertreibung macht den Charakter wie auch den Reiz des Gemäldes aus. Wie ernüchternd wirkt vergleichsweise eine heutige Ansicht der Lauteracher Brücke vom selben Standort aus!

Die technische Umsetzung stellte für den damals 33-jährigen Künstler eine große Herausforderung dar: Wacker versuchte sich in einer altmeisterlichen Mischtechnik mit Tempera-Untermalung und Harzölblasuren, die sich an Vorbildern spätgotischer Tafelbilder orientiert und großes Können voraussetzt. Die Ausführung war nur im Atelier zu realisieren, lediglich die vorbereitenden Skizzen entstanden an der Brücke. So wurde die „Achbrücke“ als erstes Landschaftsgemälde Wackers ausschließlich im Atelier ausgeführt. Der Künstler bemühte sich um äußerste Präzision und Sorgfalt, in seinen eigenen Worten sollte das Werk die „Tendenz zur Vollkommenheit“ haben.

Typisch für die Landschaftsgemälde der Neuen Sachlichkeit sind der Detailreichtum der Stadt- und Naturlandschaften und eine „Ruhe bis hin zu schwermütiger Stille“. Im Gegensatz zum Ungestümen und Großflächigen des Expressionismus wird das Erzählerische in den Vordergrund gestellt, eine reichhaltige und vollkommene Welt vorgaukelnd, wobei bewusst auf Vorbilder der niederländischen Genre- und Landschaftsmaler sowie der Donauschule zurückgegriffen wird. In Wackers frühen Landschaften zeigt sich noch der Einfluss der expressionistischen „Brücke-Maler“, die er anlässlich eines Berlin-Aufenthalts kennen gelernt hatte, etwa bei der übersteigerten Perspektive oder in der intensiven Farbigkeit der Himmelszone. In seinen späteren Landschaftsbildern verzichtet er weitgehend auf die figürliche Staffage und lässt die Städte verlassen erscheinen, wie in Kälte und Einsamkeit erstarrt. Seine Vorliebe für Hinterhöfe, Kleingärten und unscheinbare Häuserzeilen ermöglicht ihm zahllose Detailstudien, vermittelt zugleich eine Aura des Pittoresken und Stimmungsvollen. Vielen seiner Landschaftsbilder ist ein Zug ins Hintergründige und Bedrohliche eigen.

Rudolf Wacker sollte nur 46 Jahre alt werden. Er erlitt 1938 während einer Hausdurchsuchung durch die Gestapo einen Herzanfall und starb im April 1939 an den Folgen seines Leidens.

Die „Bregenzer Achbrücke“ gilt als erster Höhepunkt jener Werkphase, die die Neue Sachlichkeit begründen und damit die österreichische Zwischenkriegsmalerei prägen sollte. In der Kombination einer topographischen Stadtlandschaft mit einer karikaturhaft übersteigerten Figurenszenerie gelingt hier eine originelle Schöpfung, die – im Gegensatz zu den meisten anderen Landschaftsbildern - eine humorvolle Deutung zulässt. Aufgrund der künstlerischen und kunstgeschichtlichen Bedeutung, aber auch aufgrund des lokalgeschichtlichen Bezugs wurde das Gemälde im Anschluss an eine Kunstauktion unter Denkmalschutz gestellt und gelangte in eine prominente österreichische Privatsammlung.

Weiterführende Literatur:

Max Haller: Dem Andenken an meinen Freund Rudolf Wacker als ein Vermächtnis. Vorwort H. Mackowitz, Lustenau 1971, WV Nr. 36

Rudolf Sagmeister/ Kathleen Sagmeister-Fox: Rudolf Wacker und Zeitgenossen. Expressionismus und Neue Sachlichkeit, Bregenz 1993, S. 176 ff.

Klaus Schröder: Neue Sachlichkeit. Österreich 1918 – 1938. Katalog zur Ausstellung im Wiener Kunstforum Bank Austria. Wien 1995, S. 203 ff., Abb. 80

Weitere Werke von Wacker werden derzeit in der vom Wien Museum im Künstlerhaus veranstalteten Ausstellung "Kampf um die Stadt" präsentiert.