Marmor-Mania: Die Restaurierung der Marmorstiege von Schloss Mirabell in Salzburg

Kunstvoll geschwungene, matt glänzende Marmorbalustrade an Stiegenlauf
Das prunkvolle Stiegenhaus bildet mit dem so genannten Marmorsaal das Herzstück von Schloss Mirabell in Salzburg. Erdgeschoß und zugehöriges Vestibül wurden nun einer umfassenden baulichen Sanierung und Restaurierung unterzogen.

Die Marmorstiege entstand nach Plänen des Hofarchitekten Johann Lukas von Hildebrandt (1721/27) im Auftrag von Erzbischof Franz Anton Graf Harrach in der zweiten Ausbauphase der im Kern manieristischen Schlossanlage – als zum Marmorsaal hinaufführende Prunkstiege. Die Nischenskulpturen stammen von Georg Raphael Donner und seiner Werkstatt; die berühmten Putti-Figuren, Zier der ornamental geschwungenen Balustrade, von Johann Franz Caspar, einem Schüler und Mitarbeiter Donners. Als Marmorierer sind die Gebrüder Haggenmiller aus Wien und als Schöpfer des Bandlwerk-Stucks ist Jakob Gall verzeichnet.

Alles Marmor?

Echter Marmor ist in der Marmor-Stiege genannten Anlage nicht zu finden. Die Bezeichnung benennt das künstlerische Konzept, nämlich jenes einer perfekten und flächendeckenden Marmorimitation und einer umfassenden Steinästhetik.

Die Marmorstiege muss man sich in ihrer ursprünglichen Erscheinung viel bunter vorstellen. Sie lebte von reich nuancierten Farbspielen und Glanzeffekten. Während die Stiegenläufe, Sockelbänder, Bodenplatten und Portalrahmungen aus unechtem kristallinen Marmor, dem lokalen Untersberger Marmor (Boden: Rosa und Gelb, Portale: hellgraue Forelle) gefertigt sind, zielte die barocke Ästhetik auf eine präzise Nachahmung der vorhandenen Steinflächen mit Stuckmarmor an Pfeilern und Wandvorlagen und lachsfarben getönten Stuckflächen in den Gewölben und Fensterlaibungen. Eindrucksvoll ist die Präzision der strukturellen Angleichung, die Feinheit der Farbabstimmung sowie das Spiel mit Matt- und Glanzeffekten. Dieser Farbenreichtum kulminierte einst im Deckenfresko von Bartolomeo Altomonte und Gaetano Fanti, das dem Stadtbrand des Jahres 1818 zum Opfer fiel. Damit war auch die überirdische Sphäre angesprochen – jene himmlische Ebene, zu der die von Engeln flankierte Stiegenanlage hinaufführt.

Das, was von dieser Prunkausstattung übrig geblieben ist, galt und gilt es, zu entschlüsseln und so weit als möglich freizulegen. Vieles wurde nach massiven Schädigungen durch den Stadtbrand 1818 und den Zweiten Weltkrieg so verändert oder überarbeitet, dass ursprüngliche Qualitäten verloren gingen. So kam es - abgesehen von massiven Feuchtigkeits- und Salzschäden - zu großflächigen Überzügen in Form von Überputzungen am Originalstein oder von Übermalungen und Firnissen an den Stuckmarmorflächen.

Die Restaurierung

Mit Anfang des Jahres 2009 startete die mit zweijähriger Vorlaufphase vorbereitete Restaurierung von Vestibül und Marmorstiege. Sie ist integraler Bestandteil der im Frühjahr begonnenen Maßnahmen zur Sanierung und Adaptierung der ebenerdigen Räumlichkeiten im West- und Nordtrakt des Schlosses nach Auszug der Stadtbibliothek. Das originale Erscheinungsbild des Hochbarock mit seinen bunten und auf Hochglanz polierten Flächen (Steinästhetik) nachzuvollziehen und tw. auch zu rekonstruieren, war bereits Ziel der Voruntersuchungen zur aktuellen Kampagne, die in erster Linie der Behebung der Schäden am Stein im Bereich des ersten Stiegenlaufes und des Erdgeschoß-Bodens gewidmet war. Einen weiteren Schwerpunkt stellte die Putzsanierung an den Wandfeldern und die Überarbeitung bzw. Neugestaltung der Sockelbänder dar.

Im Zuge dessen waren beträchtliche Alt-Schäden im Bereich der Marmorstiege (Schäden durch Brände, Löschwasser und Durchfeuchtung, Fehlsanierungen, Überarbeitungen) zu beheben, die vorab genauestens kartiert und in der Planung berücksichtigt wurden. Eines der schwerwiegendsten Probleme, die Zerstörung des kostbaren Marmorbodens infolge aufsteigender Feuchtigkeit, konnte gestoppt werden: einerseits durch die Herstellung eines neuen Unterbaus, aber auch durch die Befreiung der Sockelzone und der unteren Wandflächen von späteren sperrenden Beschichtungen mit Zement- bzw. Sanierputzen und Teeranstrichen. Dabei trat neben älteren Fundamenten eine Flusssteinpflasterung von Schloss Altenau, dem frühbarocken Kernbau des hochbarocken Schlosses Mirabell, ans Licht – äußerst wertvolle Hinweise nicht nur für die begleitenden archäologischen Grabungen und baugeschichtlichen Forschungen, sondern auch für die Geschichte Salzburgs und die Kunstgeschichte allgemein.

Um ein optimales Restaurierziel zu entwickeln, das auf die äußerst wertvolle Substanz best möglich Rücksicht nimmt, wurden neben ersten Vermessungen (Strichpläne, Orthofotos) und Befunduntersuchungen Musterarbeiten vor allem im Bereich Boden und Balustrade ausgeführt. Auf diese Weise konnte die für einen Steinboden unkonventionelle, aber in diesem Fall maßgeschneiderte Lösung für den Untersberger Schachbrett-Belag erarbeitet werden. Aufgrund des äußerst schlechten Erhaltungszustandes und bei annäherndem Totalverlust der originalen Oberflächen entschloss man sich, beim Hauptteil der originalen Bodenplatten eine neue Oberfläche mittels Neuschliff herzustellen – unter Vorgabe, der Ausführung den Alterswert der originalen Altplatten als Referenz zu Grunde zu legen. Ähnlich wurde mit den Untersberger Sockelplatten und unteren Stufen verfahren. Der allgemeine Wunsch, Neuherstellungen weitgehend zu vermeiden, konnte so auf Grund der Stärke der originalen Steinplatten erfüllt werden. Zusammen mit den restaurierten Platten und einzelnen Neuen ergeben die überschliffenen Platten nun ein harmonisches, in sich lebendiges Gefüge, welches das künstlerische Konzept und den gealterten Zustand des Ambientes respektiert.

Ein ebenso außergewöhnlicher Ansatz kam für die Balustrade des durch Salze massiv geschädigten ersten Stiegenlaufs zur Anwendung. Hier waren die Gefügeschädigungen durch Salzfraß und mehrfache Brüche dermaßen weit fortgeschritten, dass man sich zunächst – um Neuherstellungen zu vermeiden – auf die Konservierung eines drastisch geschädigten Zustandes unter optischer Verbesserung einigte. Überraschenderweise konnte nun im Zuge der Restaurierung an den großflächigen Fehlstellen eine komplett neue Oberfläche und Ornamentik angetragen werden, einschließlich des Auftrags einer Hochglanz-Politur – dank der hier tätigen Spezialisten und einer eigens entwickelten objektspezifischen Ergänzungstechnik. Die fehlenden figuralen und dekorativen Elemente wurden hingegen bildhauerisch als passgenaue Inlays in Naturstein gefertigt.