Sternenhimmel, Kellerschätze und Gartenkräuter

Das Stiftsgebäude von außen.
Die Adaptierung des Südflügels und die Wiederherstellung des Klostergartens mit zwei Gartenstöckeln des Benediktinerklosters St. Paul im Lavanttal schaffen die Voraussetzungen für eine adäquate Präsentation der bedeutenden Bücher- und Kunstsammlung sowie für eine nachhaltige kulturtouristische Nutzung.

Es ist der größte Umbau des Klosters seit dem 17. Jahrhundert, und er geht gerade rechtzeitig vor der Eröffnung der diesjährigen Großausstellung „Macht des Wortes - Mönchtum im Spiegel Europas“ zu Ende. Abt Hieronymus Marchstaller (1616-1638) und seine Nachfolgern sollen, so will es die Überlieferung, beim Ausbau der Anlage die Vision eines österreichischen Escorials vor Augen gehabt haben. Ost- und Westflügel wurden an der Südseite, abweichend vom mehrfach überlieferten Idealplan einer geschlossenen und von vier Ecktürmen gesäumten Kirchenburg, jedoch nie miteinander verbunden, von den geplanten Türmen wurde nur jener an der Nordwestecke erbaut. Der unter Abt Albert Reichhart (1677-1727) an den Westtrakt angebaute „Südflügel“ musste im Gegensatz zu den übrigen Trakten auf eine Länge von 30 m verkürzt werden. Eine größere Mauerstärke und ein zusätzliches Geschoss lassen den Quertrakt trotz seiner Kürze imposant wirken.

Im 1683/84 fertig gestellten Südflügel wurde bereits im 17. Jahrhundert im Obergeschoss die Stiftsbibliothek untergebracht. Die prachtvoll gestaltete Decke lässt darauf schließen, dass der Raum später als Entree der Prälatur genutzt und für diesen Zweck entsprechend repräsentativ gestaltet werden sollte. Sie war bis zur diesjährigen Übersiedlung der Bibliothek zum überwiegenden Teil von raumhohen Bücherregalen verdeckt.
Als Sujet für das Deckengemälde wählte Abt Reichhart das Himmelgewölbe: Die beiden Kreisflächen, welche die östliche und westliche Hemisphäre darstellen, wurden mit plastisch ausgebildeten Stuckrahmen - eine Arbeit des Meisters Gabriel Wittini - umgeben. Im südlichen Zwickel zwischen den Kreisen sind Stiftswappen, Auftraggeber und eine Inschrift mit Hinweis auf das Entstehungsdatum des Gemäldes wiedergegeben. Die Signatur des beauftragten Malers „Wolff: Bernard Veldner Pictoris Wolfbergis“ im südöstlichen Zwickel verweist auf einen seit 1679 im Lavanttal ansässigen Künstler.
Wolfgang Bernhard Veldner dürfte für seine Bearbeitung des Themas einen Himmelsglobus oder Himmelsatlanten aus dem Bibliotheksbestand herangezogen haben, um die von ihm dargestellten Sternbilder und Tierkreiszeichen möglichst wirklichkeitsgetreu im tiefblau gemalten Weltenall zu positionieren. Bänder aus roten und weißen bzw. grünen und weißen Vierecken markieren den Äquator und die Ekliptik; die Milchstraße wurde als gelber Streifen wiedergegeben. Zusätzlich eingezeichnete Grad- und Breitengradunterteilungen sollten den Eindruck vermitteln, dass der Künstler den jeweiligen Standorten der Bilder wissenschaftliche Erkenntnisse zugrunde gelegt habe: wie man aus peniblen Vermerken des Abtes anlässlich einer Kometenerscheinung 1680/81 weiß, war das Stift zur Zeit der Deckenausmalung ein Zentrum astronomischer Studien.

Dass der „Hemisphärensaal“ mit den gereinigten und gefestigten Deckenmalereien unverstellt zugänglich gemacht wird, war nur möglich, weil man für die Bibliothek einen neuen Standort fand: Im Gegensatz zu den Adaptierungen des 17. und 18. Jahrhunderts waren für den gegenwärtigen Umbau nicht repräsentative Ansprüche, sondern in erster Linie die Sicherung und Zusammenführung von mehr als 180.000 Büchern, 4000 Handschriften und über 1600 Urkunden bei adäquaten klima- und sicherheitstechnischen Bedingungen ausschlaggebend. Gleichzeitig sollte ein zeitgemäßen Ansprüchen genügender Ausstellungsbetrieb geschaffen werden.

800 m2 Nutzfläche standen in den ungenutzten Kellern zur Verfügung, die z. T. unter Einbeziehung älterer Mauern im 17. Jahrhundert angelegt worden waren. Bis zu ein Meter hoher Schutt musste abgetragen, von den 10-12 m hohen und bis zu 8 m breiten Tonnengewölben zentimeterdicke Schmutzkrusten entfernt werden. Ein allzu felsiger Untergrund verhinderte im 17. Jahrhundert eine durchgehende Unterkellerung, so dass die südwestlichen Gewölberäume von den nordwestlichen Kellergewölben seit jeher räumlich getrennt waren. Während die südlichen und westlichen Kellerräume nun die Bibliothek und Schauräume zur Präsentation der Bücherschätze des Klosters beherbergen, wurde der nordwestliche Keller als „Kristalldom“ u. a. mit Exponaten aus der 1687-1878 betriebenen Glashütte des Stiftes in St. Vinzenz auf der Soboth bestückt. Unmittelbar über der Bibliothek entstanden das neue Archiv und ein Arbeitsbereich für dessen wissenschaftliche Bearbeitung. Ein in diesem Bereich integrierter Aufzug ermöglicht erstmals einen barrierefreien Zugang zu allen vier Geschossen.

Parallel zu den Adaptierungsmaßnahmen im inneren Stiftsbereich wurde die ursprünglich barocke Gartenanlage revitalisiert. Diese ist heute vielfach von Umgestaltungen aus der Zeit des beginnenden 19. Jahrhunderts geprägt. Damals war das 1782 aufgehobene Stift von Mönchen aus dem ehemaligen Kloster St. Blasien im Schwarzwald neu besiedelt worden. Die Bücher-, Kunst- und Kirchenschätze, die St. Paul heute besitzt, stammen zu einem überwiegenden Teil aus St. Blasien. Die St. Blasier Mönche brachten jedoch nicht nur bedeutende Sammlungen nach St. Paul mit, sondern setzten auch die Stiftsgebäude und -gärten einschließlich der zugehörenden Wirtschaftsgebäude wieder instand. 1815/16 wurden von einem aus Udine stammenden Baumeister, Pietro Rodolfi, für den Klostergarten zwei Gartenstöckel entworfen. Im so genannten „Lobisserstöckl“ an der Westecke der südlichen Umfassungsmauer befand sich etwa ein Jahrhundert später, ab 1922, das Atelier von Suitbert Lobisser, dem bekannten Holzschnittmeister - Fresken des Künstlers sind an der Südfassade des Stöckls erhalten. Nach einer weitgehenden Rückführung auf das Erscheinungsbild des 19. Jahrhunderts beherbergt das Stöckl nun einen Galerieraum und ein Café. Im zweiten Stöckl, dem so genannten „Gärtnerstöckl“ im Bereich der nördlichen Umfassungsmauer wurde nach Wiederherstellung einer Treppenanlage eine Klosterapotheke eingerichtet.

Die von 26. April bis 28. November laufende Europausstellung in St. Paul zeigt, dass seit der Entstehung des abendländischen Mönchtums 529 n. Chr. von Benediktinern im Dienste des Glaubens bedeutende bauliche, wissenschaftliche, literarische und künstlerische Leistungen vollbracht wurden. Die nunmehr abgeschlossenen Bau- und Restaurierungsmaßnahmen im Benediktinerstift stellen nicht nur eine nachhaltige Nutzung und Erhaltung der Anlage sicher, sondern auch, dass der Orden seinem kulturellen Auftrag auch künftig nachkommen kann.