Der Residenzplatz – Fenster zu Salzburgs Geschichte

418416097.jpg
Die durch geplante Umgestaltungsmaßnahmen bedingten archäologischen Untersuchungen auf dem Salzburger Residenzplatz haben zahlreiche wichtige Funde und Befunde aus der Römerzeit, dem Mittelalter und der frühen Neuzeit zu Tage gefördert

Der Residenzplatz, die größte Freifläche im Herzen der Salzburger Altstadt, erhielt sein heutiges Erscheinungsbild um die Mitte des 17. Jhs. mit der Errichtung des Residenzbrunnens. Reste der zugehörigen barocken Platzpflasterung waren bis in die jüngste Vergangenheit sichtbar und konnten bei den aktuellen archäologischen Untersuchungen dokumentiert werden. Diese Ausgrabungen werden aufgrund der ab 2009 geplanten neuen Platzgestaltung von der Abteilung für Bodendenkmale des BDA (Grabungsleitung: Peter Höglinger) in Absprache mit der Bauherrschaft (Magistrat Salzburg) durchgeführt, da massive Eingriffe in den historisch gewachsenen Bodenaufbau vorgesehen sind.

Die Grabungen müssen abschnittsweise durchgeführt werden und betreffen lediglich den Bodenbereich bis zur der für die Umbauten benötigten Tiefe von maximal 1,0 m unter der heutigen Geländeoberkante. Trotz dieser Einschränkungen konnte in den bisher abgeschlossenen Teilarealen (Gesamtfläche ca. 4.500 m²) eine Fülle von archäologischen Befunden unterschiedlicher Zeitstellung dokumentiert werden, durch die der bisherige Kenntnisstand zur frühen Salzburger Stadtgeschichte wesentlich erweitert wird.

Renaissancezeitliche Gebäude und Kanäle

1592 ließ Erzbischof Wolf-Dietrich einen oberirdischen Verbindungsgang von der Neuen zur Alten Residenz errichten, dessen massive Fundamentpfeiler im Grabungsareal freigelegt wurden. Dieses mächtige Bauwerk dürfte nur wenige Jahre genutzt worden sein, griff aber stark in den Bestand des älteren Domfriedhofs ein, wie einige Gräber, die durch die damaligen Aushubarbeiten gestört wurden, eindrücklich zeigen. Sehr oberflächennah verlief die Gewölbekappe eines barocken Seitenstranges des sog. Almkanals von Südosten her zum Residenzbrunnen und überlagerte in dessen Nahbereich den mittelalterlichen Höllbräuarm. Eine Überraschung stellte die Aufdeckung eines großen, wohl ehemals zweistöckigen Gebäudes und weiterer Bauten aus dem 16. Jh. dar, durch deren Errichtung gleichfalls die obersten Bestattungshorizonte des Domfriedhofs gestört worden waren. Ein Datierungsansatz ergibt sich hier durch nachträglich als Baumaterial verwendete Grabplatten. Eine trocken geschlichtete Steinsetzung mit kreisförmigem Grundriss dürfte als kurzfristig für Bauzwecke genutzter Wasserspeicher zu interpretieren sein. Auch das Abbruchmaterial der ehemaligen Johanneskapelle, deren Reste ebenfalls aufgedeckt werden konnten, fand eine neue Verwendung bei der Verstärkung der Fundamente der Alten Residenz, wie anhand der nur für diesen Kirchenbau genutzten Sandsteinblöcke nachzuweisen war.

Domfriedhof und Johanneskapelle

Der gegenüber dem heutigen, barocken Dom nach Nordosten verschwenkte romanische Vorgängerbau wurde bereits in den 1950er- bis 1960er-Jahren großflächig untersucht. Die aktuellen archäologischen Grabungen konzentrierten sich daher vor allem auf den Bereich des einstigen Domfriedhofes. Dieser ehemals größte innerstädtische Begräbnisplatz wurde etwa ab 1200 belegt und um 1600 aufgelassen, wobei die Bestattungen im Boden verblieben und lediglich Grabsteine und Grabeinfassungen entfernt wurden.

Die bei der Grabung festgestellten Bestattungen lagen sowohl horizontal als auch vertikal überaus dicht beieinander; bedingt durch die barocke Überformung der Platzoberfläche wurden einzelne Gräber schon in einer Tiefe von lediglich 0,3 m angetroffen. Die Toten wurden durchwegs in Särgen beigesetzt, wobei neben länger genutzten Familiengräbern vereinzelt auch Mehrfachbestattungen (meist Frauen mit Kleinkindern/Säuglingen) nachzuweisen waren, die wohl in Zusammenhang mit epidemischen Todesfällen zu sehen sind. Als einzige Grabbeigaben fanden sich selten Rosenkränze oder Gewandbesatzteile.

Hervorzuheben ist die Bestattung eines älteren Mannes in prominenter Lage neben einer kleinen Kapelle am Ostrand des Friedhofes, der mit Degen und Sporen ausgestattet war. Besonders bedeutend ist auch die Freilegung der ehemaligen Johanneskapelle, einer um 1110/20 errichteten zweistöckigen Eigenkirche der Salzburger Erzbischöfe. Die an die Alte Residenz angesetzte „Kapelle“ wurde mehrfach in ihrem Baubestand verändert und Mitte des 17. Jhs. abgebrochen. Die rege (kirchliche) Bautätigkeit späterer Epochen sowie die barocken Veränderungen des Oberflächenreliefs im Bereich des Residenzplatzes dürften die früh-/hochmittelalterlichen Bodenschichten nahezu vollständig beseitigt haben.

Umso erfreulicher war die Auffindung einiger qualitätvoller Fundstücke aus dieser – in Salzburg bislang nur schwach belegten – Zeitepoche. Fünf unterschiedlich gearbeitete Scheibenfibeln sind vielleicht ebenso wie einzelne Ohrringe Bestattungen zuzuordnen, die bei einem Vorgängerbau des romanischen Doms beigesetzt worden sein könnten. Weiters fanden sich zwei Silberdenare der bayerischen Herzöge Heinrich I. und Heinrich II. (Münzstätte Regensburg, 10. Jh.). Leben im römischen Iuvavum Der Residenzplatz liegt im Zentrum nicht nur des barocken und mittelalterlichen Salzburgs, sondern auch der römischen Stadt Iuvavum.

Römerzeitliche Baureste und Kulturschichten waren in weiten Bereichen des bislang untersuchten Areals durch die Grabschächte des Domfriedhofs und die regen Bauaktivitäten jüngerer Epochen stark gestört. Auch aufgrund der projektbedingt relativ geringen Grabungstiefe konnten vorerst nur wenige römische Befunde in größeren Ausschnitten freigelegt werden.

Entlang der bis November 2008 erreichten nördlichen Grabungskante zeigten sich vermehrt Siedlungsstrukturen einer Bebauung des 3. Jhs. n. Chr., die eine Gliederung in Häuserzeilen beidseits einer Straße bzw. einer kleinen Gasse andeuten und teils bis in die Spätantike genutzt worden sein dürften. Die überaus reichhaltigen und qualitätvollen Funde vermitteln eine eindrucksvolle Vorstellung von der Ausstattung einer wohlhabenden römischen Stadtgemeinde (municipium) und ihrer Einwohner. Dies gilt insbesondere für die Spätphase, während die ersten beiden Jahrhunderte römischer Siedlungsaktivität bislang nur durch wenige Fundstücke fassbar sind. Neben zahlreichen Resten von Keramikgefäßen wurde unter anderem Münzen, Fibeln (Gewandbroschen), Gürtelbeschläge, (Haar-)Nadeln oder Bestandteile von Pferdezaumzeug geborgen. Einige Stücke geben Hinweise auf eine Produktion vor Ort, doch sind auch etliche bislang für Salzburg nicht belegte Objekttypen im Fundmaterial vertreten. Ein vollständig erhaltener Weihealtar für den höchsten römischen Staatsgott Jupiter beeindruckt durch Größe und Qualität der Ausführung. Vor allem wegen der erstmaligen Nennung der namengebenden Stadtgottheit Iuvavus kann er als bisheriger Höhepunkt der durch die Grabungen am Residenzplatz erzielten neuen Forschungsergebnisse bezeichnet werden.