Fürsteneinzug und Tugendspiegel - Restaurierung der Wandmalereien in Schloss Freisaal bei Salzburg

Blick auf die Ecke eines Raumes, bei dem beide Wände mit Malereien bedeckt sind
Das höfische Zeremoniell des Fürstenzugs ist in den Fresken von Freisaal dargestellt, welche die europäischen Einflüsse von Renaissance und Manierismus eindrucksvoll reflektieren. Die Malereien, künstlerisch wie kulturhistorisch von hohem Stellenwert, erfuhren in den letzten Monaten eine grundlegende Restaurierung auf modernstem technischem und denkmalpflegerischem Niveau.

Ein Wasserschloss als bischöfliches Quartier

Das vor den Toren der Stadt Salzburg gelegene Schloss Freisaal wurde schon 1392 als Lustschloss des Fürsterzbischofs Pilgrim II. von Puchheim im Lied des Mönchs von Salzburg erwähnt, der Name leitet sich von "Freudensaal" ab. In seiner heutigen Form geht das Wasserschloss auf einen Neubau durch Administrator Ernst von Bayern im Jahre 1549 zurück.

Bis zum Ende des selbständigen Fürsterzbistums diente das Schloss dem Salzburger Erzbischof nach seiner Wahl als Absteigequartier vor dem Einzug in die Residenzstadt.

Die Wandmalereien im Großen Saal

Seit dem 19. Jahrhundert in Privatbesitz, hat das idyllische Wasserschloss zwar durch eine Renovierung 1907 viel von seiner charakteristischen Erscheinung verloren, das kunsthistorische Juwel in seinem Inneren blieb aber erhalten: Die Wandmalereien im Großen Saal des Obergeschosses, die zu den bedeutendsten Fresken der Renaissance in Österreich zählen. Sie sind mit 1558 bezeichnet, waren zu diesem Zeitpunkt jedoch nach einer Quelle aus der Erzabtei St. Peter wohl bereits fertig gestellt. Bisher wurde die Ausstattung Hans Bocksberger d. Ä. (geboren um 1510 in Mondsee, gestorben vor 1569 in Salzburg) zugeschrieben. Nach dem heutigen Kenntnisstand ist auch eine andere lokale Werkstatt , die sich mit der italienischen Fresko- und Secco-Wandmalerei bereits vertraut gemacht hatte, als Urheberin vorstellbar. Es sind stilistische Ähnlichkeiten etwa zu den Monumentalmalereien von Schloss Parz in Oberösterreich zu erkennnen.

Fürsteneinzug in die Residenzstadt

An der Süd- und Westwand des Saales stellte der Künstler den Einzug eines Erzbischofs dar; es handelt sich wohl um Michael von Kuenburg, der 1554 zum Erzbischof gewählt wurde und bis 1660, also auch zum Zeitpunkt der Entstehung der Fresken, in Salzburg herrschte. Dieser sog. Fürsteneinzug bildet den ältesten Malereibestand des Saales. Der Einzug des neuen Erzbischofs ist vor einer phantastischen Weltenlandschaft dargestellt. Der neue Landesfürst wird von reichem berittenen Gefolge begleitet, ihm ziehen Spielleute, Ministranten und geistliche und weltliche Würdenträger voraus. Soldaten begleiten den Zug. Eine Wappenkartusche über der Eingangstüre trägt das Wappen Michael von Kuenburgs, das allerdings aus einer Veränderungsphase des Raumes im 18. Jahrhundert stammt.

Dominiert der Fürsteneinzug die beiden Innenwände des Saales, so werden der darunter liegende Sockel und die beiden Außenwänden der Darstellung der Tugenden gewidmet - gleichsam als ein gemalter Fürstenspiegel. Allegorischen Darstellungen der christlichen und der Kardinaltugenden, die als Frauengestalten in steinfarbig gemalten Nischen positioniert sind, prägen die beiden durchfensterten Wände nach Norden und Westen. Den westlichen Abschluss bildet die Vanitas-Darstellung, während in der Nordostecke eine Diana abgebildet ist.

Ergänzt wird das ikonographische Programm durch Rundbilder in Grisaille-Technik unterhalb des Fürsteneinzuges und durch querovale Grisaille-Bilder über den Fenstern, in denen Schlachten und Szenen aus der römischen Antike wiedergegeben werden, mit Vorbildern antiker Tugendhaftigkeit wie Mutius Scaevola oder Lucretia. Monochrome Groteskendarstellungen an den Grisaillen und Fensterlaibungen vervollständigen die Malereien.

Restauriergeschichte

Die Malereien wurden bereits im 18. und 19. Jahrhundert ergänzt und teilweise auch großflächig überarbeitet. Beim Umbau von Schloss Freisaal 1907 wurden die Fenster im Festsaal ausgetauscht; mit entsprechender Schädigung der angrenzenden Malereien. Verschiedene Restaurierungen und großflächige Übermalungen im 20. Jahrhundert hinterließen weitere tiefe Spuren, ehe 1967/68 eine Abnahme der Übermalungen und Restaurierung durch den akademischen Maler Lucas Suppin erfolgte, der lange Zeit in Freisaal lebte.

Restaurierung nach moderner Methode

Durch einen Besitzerwechsel wurde eine grundlegende Restaurierung der künstlerisch wie kulturhistorisch wertvollen Malereien auf modernstem technischen und denkmalpflegerischen Niveau ermöglicht, die in den letzten Monaten erfolgte.

Die ersten Befundungen ließen ein komplexes Schadensbild erkennen: Schollenbildungen, Abplatzungen und Abkreiden der Malschicht, zum Teil über Wandniveau ausgeführte Kittungen, Ausbrüche durch Tür- und Fenstereinbauten sowie Installationsführungen, Verfärbungen, Übermalungen und Freilegungen (Vorzeichnungen) des 20. Jahrhunderts. Weiters wurden feuchtebedingte Schäden konstatiert, das Auskristallisieren bauschädlicher Salze an der Malereioberfläche, Vergipsungen, vereinzelte Schimmelpilzflecken und Abfallen der Malschicht.

Die Restaurierung der Fresken wurde seit 2006 mit Befundungen und Musterflächen in enger Abstimmung zwischen der Eigentümerin und dem Landeskonservatorat für Salzburg vorbereitet. Die Umsetzung durch Dipl.-Rest. Jörg Riedel und Team wurde von den Werkstätten des Bundesdenkmalamtes fachlich intensiv begleitet.

Dabei kam erstmals in Österreich eine neue Methode der Retusche zur Anwendung, welche aus Respekt vor dem Bestand das Original möglichst authentisch zu präsentieren sucht. Es wurde nicht mehr großflächig durchretuschiert, sondern man schloss vorwiegend kleinere Fehlstellen. Zudem sind die Ergänzungen weniger formal als vielmehr farblich angelegt, durch Auftrag der Lokalfarben.

Zunächst wurden die Zementplomben aus den großen Ausbrüchen entfernt und mit neuen Kittungen geschlossen, in einer farblich und strukturell dem originalen Putzgrund angepassten Kalkputzmischung, weiters Entsalzungskompressen aufgelegt und die Wandmalereien vollflächig gereinigt.

Hierauf wurde der Weg der Retusche schrittweise und streng systematisch beschritten, indem man sich von den allerkleinsten, stecknadelkopfgroßen Abrieben über die fingernagelgroßen bis an die mehrere Quadratzentimeter umfassenden Fehlstellen in lasierender Punkt- und Strichretusche herantastete. Zunächst schloss man die durch oberflächliche Malschichtverluste bedingten nur pünktchengroßen Abriebstellen, mit Aquarelllasuren im jeweiligen Lokalton. Die etwas größeren, durch Malschichtabplatzungen bedingten Fehlstellen wurden mit einer Umgebungstonretusche geschlossen, auf Basis des aus den Lokalfarben gebildeten Mischtons. Im Vergleich zum herkömmlichen Tratteggio werden die gewählten Farbtöne heller und sehr lasierend eingesetzt und die Flächen mit noch feineren Strichen und Punkten geschlossen. Zudem gilt das Hauptaugenmerk in erster Linie den Farb-, und erst zweitrangig den Formwerten. Bei der chromatischen Retusche werden im Sinne besserer Lesbarkeit lediglich formale Akzente gesetzt, und auch das nur bei klarer Nachvollziehbarkeit. So wurden auch im Fall von Schloss Freisaal nur Fehlstellen in den Binnenflächen der Malereien, bei klarem kompositorischen Zusammenhang, formal behandelt. Die Bearbeitung der größten Verlustzonen (Kittungen) - z. B. in Augenhöhe innerhalb des Fürstenzuges bzw. der Tugenddarstellungen - erfolgte nach individueller Beurteilung jeder dieser Fehlstellen und nur im Umfang von ca. 50 Prozent.

Die Notwendigkeit, größere Fehlstellen zu schließen - zumal solche in den Randbereichen, die infolge des fehlenden Kontexts nicht mehr formal eindeutig sind -, konnte umgangen werden. Die erstmals in Österreich in größerem Rahmen angewandte, zurückhaltende Umgebungs- und Lokalton-Retusche hat gezeigt, dass durch optischen Zusammenschluss von Farbwerten ein durch Fehlstellen stark irritiertes Bild relativ rasch und mit verhältnismäßig geringen Interventionen beruhigt und harmonisiert werden kann. Maltechnik, künstlerische Qualität und authentische Brillanz dieser außergewöhnlichen Malereien von Schloss Freisaal kommen somit eindrucksvoll zur Geltung.