TrassenArchäologie

Titelbild Sonderheft 4
Rettungsgrabungen bei Infrastruktur-Großbauvorhaben bringen neues Wissen über die Geschichte des Weinviertels

Der geplante Neubau der A 5/Weinviertel-Autobahn sowie der S 1/Wiener Außenring Schnellstraße wird seit 2003 von der Abteilung für Bodendenkmale des Bundesdenkmalamtes archäologisch begleitet. Auf dem ersten Trassenabschnitt der A 5 zwischen Eibesbrunn und Schrick sowie auf der Trasse der Wiener Nordspange (S 1-West und S 1-Ost) wurden bis 2006 insgesamt 24 Fundstellen auf einer Trassenlänge von 47,3 km untersucht, wobei auf einer Fläche von 600.000 m² rund 6000 archäologische Befunde dokumentiert werden konnten.

TrassenArchäologie: Planung und Durchführung

Um eine Aufgabe dieser Dimension zu bewältigen, bedarf es großer Einsatzbereitschaft seitens der beteiligten Archäologen und sonstigen Projektmitarbeiter sowie einer kooperativen Zusammenarbeit mit den Bauträgern. Die archäologische Denkmalpflege ist heute bei allen Straßenbauvorhaben bereits im Planungsstadium eingebunden. Voruntersuchungen dienen der Schaffung fachlicher Grundlagen für die Konzeption der Straße. Zu den einzelnen Trassenvarianten werden zunächst die bekannten Fundstellen ermittelt. Erst wenn der endgültige Trassenverlauf feststeht, erfolgt eine gezielte Begehung im Gelände, um durch die dabei aufgesammelten Funde Hinweise zur Datierung einer Fundstelle und ihrer Ausdehnung zu erhalten. Erst als letzter Schritt erfolgt letztendlich die archäologische Ausgrabung, die dank der umfangreichen Vorarbeiten keinen Zeitverlust für die Bauarbeiten mit sich bringt.

Am Beginn jeder Rettungsgrabung steht das maschinelle Abtragen der Humusdecke. Durch kontrollierten und gezielten Maschineneinsatz können mehrere Hektar große Fundgebiete in relativ kurzer Zeit geöffnet und in ihrer exakten Ausdehnung erfasst werden. Sauber abgezogene Flächen erleichtern zudem die nachfolgende Dokumentation der archäologischen Befunde (Reste von Bauwerken, Herdstellen, Brunnen, Gruben und Gräber), die anschließend in händischer Arbeit ausgegraben werden. Komplexe digitale Dokumentationsmethoden und die sorgfältige Bergung aller Funde gewährleisten die bestmögliche wissenschaftliche Auswertung der archäologischen Quellen.

Pellendorf: Germanisches Dorf und mittelalterliche Wüstung

Im Gemeindegebiet von Pellendorf wurden von Juni 2003 bis Dezember 2005 auf einer Fläche von etwa 25.000 m² rund 1700 archäologische Befunde erfasst. Beiderseits des so genannten Goldbaches lassen sich mehrere Siedlungsschwerpunkte feststellen, die einen Zeitraum von 400 v. Chr. bis um 1300 n. Chr. (also rund 1700 Jahre!) umfassen. Besonders hervorzuheben ist hierbei eine weiträumige germanische Ansiedlung, die bereits um Christi Geburt begründet wurde und bis um 400 n. Chr. Bestand hatte. Nur kurze Zeit später lässt sich eine slawische Bevölkerungsgruppe auf dem Siedlungsareal nieder, das in weiterer Folge bis um 1300 genutzt wird. Erstmals in Ostösterreich kann damit der Übergang vom Früh- zum Hochmittelalter in einer dörflichen Siedlung auch archäologisch belegt werden.

Ulrichskirchen: Schätze der Bronzezeit

Im Rahmen der Trassengrabungen in Ulrichskirchen wurde eine Fläche von etwa 20.900 m² untersucht. Der Schwerpunkt der festgestellten prähistorischen Besiedlung liegt in der Frühbronzezeit (ca. 2200-1600 v. Chr), wobei sowohl Siedlungsreste in Form von Vorratsgruben als auch zahlreiche Gräber aufgedeckt werden konnten. Am Rande der frühbronzezeitlichen Siedlung wurde ein außergewöhnlicher und hervorragend erhaltener Depotfund geborgen. Er besteht aus 71 vollständigen und drei fragmentierten Ösenhalsreifen, 13 großen, massiven Spiralröllchen sowie einer bemerkenswert großen, verzierten Scheibenkopfnadel, die in einem größeren Topf der Aunjetitz-Kultur (Frühbronzezeit) deponiert waren. Neben den frühbronzezeitlichen Befunden wurden Reste eines Dorfes der Linearbandkultur (Neolithikum, ca. 5500-4800 v. Chr.) und einer germanischen Ansiedlung festgestellt.

„Dietersdorf“ und „Aczesdorf“: Zwei mittelalterliche Dorfwüstungen

Einen weiteren Schwerpunkt bei den Untersuchungen auf der Autobahntrasse bildeten die Grabungen in zwei Dorfwüstungen (im Mittelalter aufgegebene Dörfer) in den Gemeinden Hagenbrunn und Leobendorf. Erstmals seit längerer Zeit konnten damit in Österreich wieder großflächige Untersuchungen an mittelalterlichen Dorfwüstungen vorgenommen werden, die zahlreiche neue Erkenntnisse zur Bebauungsstruktur erbrachten. Besonders hervorzuheben ist auch die Aufdeckung dreier Brunnen in der Wüstung „Aczesdorf“, deren im Grundwasser erhaltene Holzkastenkonstruktionen mittels dendrochronologischer Untersuchungen (Jahrringdatierung von Holzresten) in die Zeit um 1200 n. Chr. datiert werden konnten. Umfangreiches Fundmaterial ermöglicht die Rekonstruktion mittelalterlicher Lebenswelten in zwei ehemaligen Dörfern nordwestlich von Wien.

Korneuburg/Leobendorf: Bronze und Gold für das Jenseits

Die Untersuchungen im Umfeld der Autobahnauffahrt Korneuburg/West erbrachten bedeutende neue Erkenntnisse zur prähistorischen Besiedlung im Weinviertel. Auf einer Fläche von rund 36.500 m² konnten eine große Anzahl an Siedlungsbefunden der älteren Eisenzeit (Hallstattzeit, ca. 750-450 v. Chr.) sowie 24 Bestattungen der Mittelbronzezeit (ca. 1600-1250 v. Chr.) freigelegt werden. Die mittelbronzezeitlichen Gräber gehörten zweifellos einem ursprünglich größeren Gräberfeld an. Bei den Grabbeigaben stechen neben zahlreichen keramischen Gefäßen mehrere Bronzeobjekte (Dolche, Beile, Gewandnadeln, Armreifen und Fingerringe) hervor. Die wertvollsten Fundobjekte sind ein Bronzering mit aufgelegter Goldfolie sowie eine Golddrahtspirale.

Die zahlreichen Ergebnisse der Grabungen auf den Trassen von A 5 und S 1 verdeutlichen die Bedeutung derartiger Untersuchungen für die Erforschung der Geschichte von Niederösterreich, insbesondere des Weinviertels.

Ein erster Überblick der archäologischen Resultate wurde in dem Sonderheft 4 „TrassenArchäologie“ der Reihe FÖMat A veröffentlicht, das direkt beim Verlag oder über den Handel zu beziehen ist.