Graz, Franziskanerkloster

gewölbter Raum mit Säule.
Das über Jahrhunderte gewachsene, architekturgeschichtlich bedeutende Franziskanerkloster im Herzen von Graz bietet ein neues interdisziplinäres Kultur- und Forschungszentrum. Darin soll auch die Bibliothek integriert werden. Mit ihren rund 42.000 Bänden zählt sie den wertvollsten in der Steiermark.

Bei der Adaptierung im ersten Stock des alten Klostertraktes wurde im Sinne der Denkmalpflege mustergültig vorgegangen. Voruntersuchungen führten zu einer positiven „Ernte“ und machen deutlich, dass sich eine derartige Vorgangsweise lohnt. Archäologische Grabungen, eine penible Bauforschung und eine exakte Befundaufnahme als Voraussetzung für das Bauen im historischen Kontext führten zu den jüngsten Entdeckungen. In der Vorhalle des Aussprachezimmers sind Wandfresken aus dem 14. Jahrhundert sichtbar gemacht worden. Sie stellen Stammbäume, sog. „arbores“ dar. Das Schema zur Feststellung des noch erlaubten Verwandtschaftsgrades (arbor consanguineitatis) und der des verbotenen (arbor affinitatis) diente im Mittelalter als Rechtsgrundlage für erlaubte Eheschließungen innerhalb von Familien. Ein ungewöhnliches Motiv hinter Klostermauern. Üblicherweise findet es sich in Rechtsschriften, nicht jedoch als Wandmalerei. Leider sind die Darstellungen aufgrund von Stemmarbeiten bzw. Aus- und Umbauten in der Vergangenheit stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Freilegung erfolgte mechanisch, sehr schwierig war sie an den Stellen, wo die obere Kalchtünche wegen einiger Versinterungen der späteren Kalktünche sehr hart war. Die Integration der Fehlstellen wurde in „acqua sporca“ Technik mit Aquarellfarben mit lichtstabilem Pigment ergänzt.

Jubeln konnte man auch schon im Vorjahr, als im Zuge der Adaptierungen umfangreiche Wandmalereien erkennbar wurden, die Klostergebäude, Festungsanlagen und den Wiener Stephansdom zeigen. Dabei dürfte es sich um Zeichnungen eines Bruders aus dem 17. Jahrhunderts handeln. Dieser Raum wurde als Büro gestaltet und führt zum sog. Studierzimmer im alten Wehrgang des Grazer Stadtturmes. Das Kloster lag ursprünglich außerhalb der Stadtmauern und wurde bei der Ummauerung der Stadt von 1250 miteinbezogen. Es zeigt sich, dass das Kloster und die Stadt untrennbar miteinander verbunden waren und sind. Die nördliche Westmauer des Klosters ist mit der mittelalterlichen Stadtmauer ident. Der Turmgang war jedoch bis in die jüngste Zeit vermauert und ein Gewölbebogen eingezogen. Durch die Bauforschung konnte nachgewiesen werden, dass eine ältere Balkendecke über dem Gewölbe vorhanden war, die nach dessen Abtragung wieder präsentiert werden kann.

Der neue Veranstaltungssaal entstand vor längerer Zeit durch die Zusammenlegung von drei Räumen. Die dadurch entstandenen statisch erforderlichen Unterzüge ließen den Raum nie spürbar zu einem Raum verschmelzen. Durch die geschickte Deckengestaltung in Form eines Holzfaltwerkes wurden die störenden Tragelemente geschickt verkleidet und die gewünschte einheitliche Raumwirkung erzielt. Die wertvolle Klosterbibliothek umfasst rund 41.000 Bücher, 435 Handschriften und einen großen Bestand an Notensammlungen. Die Bücher sind edv-mäßig erfasst und sollen international vernetzt werden. Durch die Errichtung einer Infrastruktur wie z.B. die Schaffung eines Sekretariats sowie eines Studierraumes werden sie für Wissenschaft und Forschung zugänglich gemacht.

Es ist schon viel getan im Grazer Franziskanerkloster. Das Oratorium wurde bereits 2002 von DI Michael Lingenhöle entworfen, die Kirche 2004 mit einer neuen Orgel ausgestattet und das Turmfenster gestaltet. Dank und Anerkennung gebühren den Franziskanern, dem Bauforschungsbüro Zechner Denkmal Consulting GmbH., dem Restauratorenteam um Claudio Bizzarri und Architekt Michael Lingenhöle vom Büro N17, der bewies, dass architektonische Erneuerung auch mit nur behutsamen Veränderungen große Wirkung erzielt. Es gelang die substantiellen Eingriffe dort zu setzen, wo bereits vormalige Bauzäsuren vorhanden waren. Die wertvolle mittelalterliche Kernsubstanz blieb somit in vorbildlicher Weise erhalten. Ein weiters Ziel der Franziskaner ist es in Zukunft mit Hilfe der Öffentlichkeit in diesem denkmalpflegerischen Kleinod inmitten der Altstadt von Graz die Sanierungsmaßnahmen fortzuführen und neue Akzente zu setzen. Überraschungen, auch von großem Interesse für die Grazer Stadtgeschichte, sind – wie die Vergangenheit gezeigt hat – weiterhin zu erwarten.