Die Wallfahrtskirche Maria Geburt/Maria Heimsuchung in Rattersdorf

Wappenstein der Familie Esterhazy über Eingang
Eine bemerkenswerte Anzahl an Marienwallfahrtsorten legt im Burgenland Zeugnis ab von der intensiven Förderung der gegenreformatorischen Marienverehrung im 17. Jahrhundert unter dem Fürsten Paul Esterházy.

Neben Frauenkirchen, Loretto, Kleinfrauenhaid oder Maria Weinberg trifft dies in hohem Maße auf die kath. Pfarr- und Wallfahrtskirche von Rattersdorf zu, deren umfassende Erforschung und Restaurierung als langfristiges Projekt der Denkmalpflege jüngst mit der Fassadensanierung zum Abschluss gelangte.

Die Kirche von Rattersdorf, einer der bedeutendsten Kirchenbauten des Bundeslandes und prominentestes Marienheiligtum des Mittelburgenlandes, besaß vermutlich schon im Mittelalter eine beachtliche Wallfahrt um eine Heilquelle, das sog. "Fieberbründl", wobei seit jeher eine starke Verbindung zur wenige Kilometer südlicher gelegenen Urpfarre Velém/ St. Veit bestand und die Wallfahrer überwiegend aus dem Günser Raum stammten - die kleine historische Stadt Güns (Köszeg), der ehemalige Hauptort der Region, liegt in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Der heutige Baukörper besteht aus zwei zusammengewachsenen, parallel situierten mittelalterlichen Kirchen, deren Verfall nach schweren Beschädigungen durch die Türkeneinfälle im 16. Jahrhundert einsetzte. Während nur die Südkirche vorübergehend für protestantische Gottesdienste in Benützung stand, blieb das Nordschiff eine Ruine ohne Gewölbe und Dach; bis 1696 konnte die Wiederherstellung und Barockisierung unter Paul Esterházy umgesetzt werden. Die für Denkmalpflege und Denkmalforschung gleichermaßen aufschlussreiche Restaurierung musste bereits 1989 wegen eines massiven Hausschwammbefalls des rezenten Bodenbelags in die Wege geleitet werden und entwickelte sich kontinuierlich zu einem breit gefächerten, langjährigen Großprojekt. Trotz des enormen finanziellen Aufwands für die kleine Pfarre war das örtliche Engagement vor allem von Seiten des Pfarrers in engster Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt ungebrochen, sodass die Gesamtsanierung und -aufarbeitung der Kirche, zwar in mehrere Etappen aufgeteilt, aber konsequent umgesetzt werden konnten. Beginnend mit umfassenden Voruntersuchungen und der Anfertigung von Plänen erstreckte sich die Palette der Arbeiten über die Bodensanierung sowie die Restaurierung von Raumschale und der vorwiegend barocken Ausstattung bis zur Außenerscheinung samt Neueindeckung der mächtigen Dachfläche. Als herausragend sind einerseits die Ergebnisse der archäologischen Grabung von 1991-96 zu bezeichnen, die unter anderem mit der Entdeckung römischer Gebäudereste und eines Vorgängerbaus aus dem 12. Jahrhundert grundlegend neue bauhistorische Erkenntnisse und Daten brachte sowie durch verschiedenste Funde überregionales Interesse wecken konnte. Der kunsthistorisch bemerkenswerteste Fund eines spätromanischen Reliquienkreuzes aus Bronze (sog. „Rattersdorfer Reliquiar“) wurde 1993 innerhalb der von den Werkstätten des BDA mit organisierten Ausstellungsreihe „Bedeutende Kunstwerke – gefährdet – konserviert – präsentiert“ in der Österreichischen Galerie in Wien einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Von größter Bedeutung für den kunsthistorischen Denkmalbestand des Burgenlandes erwies sich andererseits die zeitaufwändige Freilegung von Wandmalereien in der südlichen Apsis aus der Zeit der Patronatsinhaber Kanizsay, 4.V.14. Jahrhundert, unter anderem mit ikonographisch außergewöhnlichen Darstellungen dreier ungarischer Könige und des heiligen Georg. Das definierte Restaurierziel bestand in der Präsentation des Gesamtraums, um dieses auch in reduziertem Zustand für das Burgenland einzigartige Beispiel einer Architekturpolychromie aus dem 14. Jahrhundert erlebbar zu machen. Gleichzusetzen mit der Fischerkirche in Rust, zählt Rattersdorf nun zu den Kirchen mit den bedeutendsten gotischen Wandmalerei-Zyklen des Burgenlandes. Im Jahr 2005 stand schließlich die Außenrestaurierung mit dem Ziel an, formale und technische Verbesserungen, das heisst eine größtmögliche Wiederherstellung formaler Reduzierungen der letzten entscheidenden Kirchenrenovierung umzusetzen. In den 1960er Jahren verlor die Kirche den gesamten historischen Putzbestand und erhielt eine vereinfachende Kalkzementmörtel-Neuverputzung. Im Zuge der aktuellen Intervention konnten an der Westfassade durch die Neuverputzung anhand eines adäquateren Kalkmörtels und mit der Rekonstruktion des Zustandes der Gliederung von 1825 nach einer historischen Fotographie samt abschließendem Kalkanstrich maßgebliche denkmalpflegerische Korrekturen vorgenommen werden. Eine weitere optische Bereicherung der Fassade gelang mit der restauratorischen Neufassung der ursprünglichen Polychromie des Esterházy’schen Wappens am Portal von 1696. An den übrigen Fassaden war aufgrund der Befundsituation die Wiederherstellung des Steinsockels mit dem historischen Abschluss-Profil und des ehemals rundum laufenden Kaffgesimses möglich, ebenso die Korrektur der Strebepfeilerquaderung und der Fensterumrahmungen. Nach etwa 15 Jahren konnte somit eines der bedeutendsten Kirchenrestaurierungsprojekte der letzten Jahrzehnte im Burgenland abgeschlossen und gleichzeitig die kulturhistorische Dimension von Rattersdorf als einem Zentrum der Marienwallfahrt im westungarischen Raum in den Blickpunkt gerückt werden.