7000 Jahre alte Siedlungen und Gräber im Tullnerfeld und Traisental

Abb. 5: Archäologische Funde der Notenkopfkeramik aus Mitterndorf.
Bei den Grabungen des Bundesdenkmalamtes auf der Trasse der HL-AG-Neubaustrecke Wien-St. Pölten wurden im Jahr 2005 bedeutende Siedlungsreste und Bestattungen der 7000 Jahre alten Kultur der Linearbandkeramik entdeckt.

Im 6. Jahrtausend v. Chr. breitete sich die sehr einheitliche bäuerliche Kultur der Linearbandkeramik (5.500 - 4.900 v. Chr.) in der klimatisch begünstigten Waldzone zwischen Ärmelkanal und Schwarzem Meer aus. Die Ausbreitung begann im Karpatenbecken und in Ostösterreich, wo direkte Kontakte zu den Kulturen des Balkans bestanden. Sie erfolgte in mehreren Etappen und dauerte - beschleunigt durch eigenständige Entwicklungen seit der Mittelsteinzeit und regen Austausch von Gütern und Ideen - nur 200 Jahre. Der Name Linearbandkeramik entstand in der Forschung durch die Beschreibung der charakteristischen Verzierungselemente auf den Keramikgefäßen. In Ostösterreich folgt auf die Stufe der älteren Linearbandkeramik eine jüngere, die nach signifikanten Linien- und Punktornamenten auf Gefäßen, Notenkopfkeramik genannt wird. Die Siedlungsdichte steigt während der Ausbreitung der Bandkeramik zunehmend.

Bei den Ausgrabungen der Abteilung für Bodendenkmale auf der Trasse der ÖBB Neubaustrecke wurden zwischen 2003 und November 2005 eindrucksvolle Hinterlassenschaften dieser ersten bäuerlichen Kultur freigelegt. Neolithische Langhäuser in Pottenbrunn und Saladorf

Eindrucksvolle Gebäudegrundrisse von Pfostenbauten wurden in Siedlungen der jüngeren Linearbandkeramik in Pottenbrunn und Saladorf freigelegt. Die Langhäuser wurden fast im gesamten Verbreitungsgebiet der bandkeramischen Kultur in gleicher Bauweise errichtet. In Längsrichtung der Häuser sind fünf Reihen so genannter Pfostengruben (Fundamentlöcher für Holzsteher) zu erkennen. Die mittleren drei Reihen stammen von den quer gestellten Jochen, die das gewaltige, mit Schilf, Stroh oder Rinde gedeckte Giebeldach trugen und sind daher größer und tiefer fundamentiert als die beiden äußeren Pfostenreihen der Hauswände. Die Hauswand bestand aus dicht nebeneinander gestellten Holzpfosten, die Zwischenräume waren mit Flechtwerk aus weichem Holz gefüllt. Die Wand war mit Lehm verputzt, der aus direkt entlang des Hauses abgegraben wurde. Die Siedlungsflächen von Saladorf und Pottenbrunn erstreckten sich entlang kleiner Bäche auf lössbedeckten sanften Abhängen. Hier konnten die Grundrisse von Häusern mit einer maximal erhaltenen Länge von 27 Metern dokumentiert werden. Die Breite der Gebäude betrug sechs bis sieben Meter. Siedlungsbestattungen in Saladorf und Pottenbrunn

Auch aus Siedlungen der Notenkopfkeramik sind Bestattungen bekannt. Sie liegen manchmal wie in den Gräberfeldern in eigenen Grabgruben, oft auch an der Sohle der großen Lehmentnahmen neben den Langhäusern. Aber auch in Vorratsgruben werden immer wieder Bestattungen, z. T. mit Grabbeigaben, die ein pietätvolles Begräbnis belegen, freigelegt. Das Gräberfeld von Mitterndorf Bei den Grabungen in Mitterndorf im Tullnerfeld wurden unter einer Schicht mit den Gebäuderesten eines römischen Landgutes 27 linearbandkeramische Gräber freigelegt. Das Skelettmaterial ist durch stark wechselnde Bodenverhältnisse unterschiedlich erhalten. Bei einer ersten anthropologischen Untersuchung wurden sechs Frauen und sechs Männer im Alter zwischen 17 und 50 Jahren bestimmt, drei Kinder waren zwischen zwei und sieben Jahre alt. Die Skelettreste aus den übrigen Gräbern erlauben noch keine exakten Angaben über Geschlecht und Sterbealter. Den Verstorbenen wurden Keramikgefäße, Werkzeuge und Geräte aus dem täglichen Leben beigegeben, aber auch exklusive Teile ihrer Tracht, wie Schmuck aus den Klappen von Stachelaustern (Spondylus). Die Siedlung zu diesem Friedhof wurde durch den Verlauf der Bahntrasse angeschnitten, die weitere Ausdehnung außerhalb der Trasse ist durch Oberflächenfunde bekannt. Das chronologisch aussagekräftige Material datiert wie in Pottenbrunn und Saladorf in die jüngere Stufe der Bandkeramik. © Abb. 1-5: BDA 2005.