Ein völkerwanderungszeitliches Kriegergrab aus Freundorf, Tulln (NÖ)

Abb. 5: Waffen.
Im Rahmen der Rettungsgrabungen auf der Trasse der HL-AG-Neubaustrecke Wien-St. Pölten wurde 2003 eine römische Villa bei Freundorf untersucht. Innerhalb der römischen Gebäudereste wurde eine Bestattung der Völkerwanderungszeit entdeckt.

Seit Dezember 2002 untersucht die Abteilung für Bodendenkmale des Bundesdenkmalamtes archäologische Fundstellen auf der Trasse der Neubaustrecke Wien - St. Pölten der Eisenbahn-Hochleistungs AG (HL-AG).

Im Juli 2003 setzten die Grabungen im Bereich einer römischen Villa nahe Freundorf, südlich von Tulln ein. Das Hauptgebäude der villa rustica wurde im Juli 2003, unmittelbar vor Baubeginn, bei einem Luftbildflug entdeckt. Nach Absprache mit den Projektleitern der HL-AG war es möglich in diesem Bauabschnitt nebeneinander die Erdarbeiten für den Trassenbau und eine großflächige archäologische Untersuchung durchzuführen.

Die Fundstelle liegt im Schwemmland der Donau und der kleinen Tulln. Siedlungsspuren sind hier ab der späten Bronzezeit nachzuweisen. Die bislang dokumentierten Befunde datieren in die Urnenfelderkultur, Hallstattkultur und in die Latènezeit. Das Fundmaterial aus der römischen Kaiserzeit spricht für eine Erbauung des Landgutes im 2. Jahrhundert n. Chr.

Innerhalb eines römischen Gebäudegrundrisses konnten zwei parallel ausgerichtete Grabschächte lokalisiert werden. Im nördlichen Grabschacht lagen die Skelette eines ausgewachsenen Pferdes und eines Fohlens. Im südlichen, zeitgleich angelegten Grabschacht wurde 70 cm unter dem Niveau der römischen Fundamente das Skelett eines erwachsenen Mannes freigelegt, der in gestreckter Rückenlage in einem Bretter- oder sehr dünnwandigen Baumsarg bestattet war. Neben dem Sarg stand, senkrecht an die Wand des Grabschachtes gelehnt, der Schild, von dem der eiserne Schildbuckel und die Schildfessel erhalten waren. Ferner waren dem Toten eine Lanze und ein Ango (Widerhakenlanze mit langer Tülle und kleiner Spitze) mitgegeben worden. Ein gerades, zweischneidiges Langschwert - die Spatha - lag auf der linken Körperseite, quer über dem Becken ein größeres einschneidiges Messer. Am Rücken trug er eine Gürteltasche, welche den Feuerstahl, eine Bronzepinzette und ein kleines Eisenmesser enthielt. Die Spatha mit organischem Griff, der Ango, eine fränkische Waffe, die in langobardenzeitlichen Gräbern Ostösterreichs (Pottenbrunn, NÖ, Nikitsch, Bgl) nur zweimal nachgewiesen ist, der profilierte, halbkalottenförmige Schildbuckel und die Pferdebestattung belegen die Bestattung eines vornehmen Reiterkriegers des 6. Jahrhunderts.

Ein erstes anthropologisches Gutachten ergab ein Sterbealter von 19 - 24 Jahren sowie Skoliose im Lendenwirbelbereich, eine asymmetrische Verformung, die bei einseitiger Belastung auftritt. Der Mann wurde innerhalb römischer Gebäude bzw. Ruinen bestattet. Das Einzelgrab dürfte auf Grund seiner versteckten Lage der sonst üblichen Plünderung völkerwanderungszeitlicher Friedhöfe entgangen sein. Die zugehörige Siedlung ist sicher in unmittelbarer Nähe oder sogar innerhalb der villa rustica anzunehmen. Die Nutzung römischer Strukturen in der Völkerwanderungszeit wird durch Funde entlang des Limes immer wieder belegt.

Die aktuellen Denkmalschutzgrabungen der Abteilung für Bodendenkmale in ehemaligen Schwemmbereichen des Tullnerfeldes ermöglichen jetzt neue, präzise Einblicke in prähistorische und frühgeschichtliche Siedlungsmuster in der archäologischen Forschung bisher unzugänglichen Gebieten.