Benefiziatenhaus Enns-Lorch, Maria Anger 9

Detail der restaurierten Fassade mit Kastenfenster und Eisengitter.
Der um 1647 errichtete ehem. barocke Pfarrhof wurde durch den neuen Eigentümer einer umfassenden Wiederherstellung und Adaptierung unterzogen.

Der Pfarrhof gehört zur Ende des 18. Jahrhunderts abgebrochenen Wallfahrtskirche Maria am Anger in Enns-Lorch. Das stattliche Gebäude stand seit Jahren leer und war zuletzt bereits stark verwahrlost. Von Seiten der Denkmalpflege musste bereits im Vorfeld des Verkaufes klargelegt werden, dass das Objekt mit seiner ausgeprägten Innenstruktur, dem barocken Dachstuhl und der reichen Bauausstattung nicht die Voraussetzungen für ein verwertungsorientiertes Renditeprojekt aufweist. Auch wenn die nunmehr verwirklichte Nutzung für private Wohnzwecke als verträglich bezeichnet werden kann, ist es bedauerlich, dass die Erhaltung des den Charakter eines Wirtschaftspfarrhofes wesentlich mitbestimmenden Stall- und Stadeltraktes nicht möglich war.

Die Geschichte der Wallfahrtskirche Maria am Anger reicht bis in die spätantike Zeit zurück, als nach 375 n.Chr. in den ausgedehnten Baukomplex des ehemaligen Legionsspitales von Lauriacum ein frühchristlicher Kultraum eingebaut wurde. Zwischen 1075 und 1091 wurde sie dem bischöflichen Augustinerkloster St. Nikola in Passau zugeordnet. Als 1553 die verlassene Minoritenkirche in der Ennser Altstadt zur Pfarrkirche erhoben wurde, blieb die alte Pfarrkirche St. Laurenz Friedhofskirche. Als die Wallfahrt zum wundertätigen Gnadenbild in Maria-Anger wieder in Gang kam, entschlossen sich die Passauer Kirchenherren 1647 zum Bau des Benefiziatenhauses. Eine bauliche Adaptierung des Benefiziatenhauses durch den Passauer Baumeister Jacob Pawanger ist für 1736 gesichert, aus dieser Zeit stammt auch die Putzgliederung. Am 13. Juli 1785 kam vom Kreisamt Steyr der Auftrag zur Sperrung der Marienkirche, die am 30. August erfolgte. Das Benefiziatenhaus wurde 1787 an den Ennser Stadtschreiber Johann Matthias Zwegghamer verkauft. Die Kirche erwarb 1792 der Ennser Apotheker Karl Gürtler, um sie bald danach abzubrechen.

Im Vorfeld der Restaurierung des Benefiziatenhauses wurden die Oberflächen im Inneren und an der Fassade des Gebäudes restauratorisch befundet. Gemeinsam mit dem vom Bundesdenkmalamt bereits 1997 erstellten Verzeichnis der relevanten Bauausstattung im sogenannten Raumbuch ist damit eine sehr gute Grundlage zur Beurteilung von Veränderungswünschen gegeben. Im Zuge der Befundung der Fassaden wurde ein Wappenfresko von beachtlicher Größe entdeckt, das allerdings durch den Abbruch eines angrenzenden Traktes bereits sehr in Mitleidenschaft gezogen worden war, sodass große Teile aus dem Bauschutt geborgen werden mußten. An der Eingangsseite kam unerwartet mit einer freskierten Sonnenuhr, deren Ziffernband auf originelle Weise um ein Fenster herum gezogen war, eine nicht mehr genau lesbare Datierung aus dem 17. Jahrhundert zum Vorschein. Sehr großen restauratorischen Aufwand erforderten bei dem engagierten und nur mit großem finanziellen Einsatz bewältigten Projekt neben wertvollen barocken Kreuzstock- beziehungsweise Kämpferfenstern, die alle erhalten wurden, sowie zahlreiche, mit barocken Stuckzügen versehene und vielfach übertünchte Deckenspiegeln, die barocken Innentüren mit ihren ursprünglich kunstvoll lasierten, aber stark abgewitterten Oberflächen. Die zeittypische Lasurmalerei musste wiederhergestellt werden.

Zu dem Gebäude gehört auch eine der letzten großen und unverbauten Grundparzellen inmitten des ehemaligen Legionslagers von Lauriacum. Sie umfasst ca. 5000 m2 und liegt nördlich der "principia" (Kommandantur) im Bereich des ehemaligen "valetudinarium" (Lagerspital). Teile der Parzelle wurden im Rahmen einer Ausgrabung durch das Archäologische Institut der Universität Wien 1936 bereits untersucht. Als außerordentlich wichtiges Fundergebnis der Grabung sind die Überreste der vermutlich ersten frühchristlichen Kirche Oberösterreichs (nach 375) mit einer halbrunden Priesterbank zu bezeichnen. Aktuelle Teilungsbeschlüsse und damit zusammenhängende Umwidmungsanträge geben leider erneut Anlass zur Sorge um die unveränderte Erhaltung des im früheren Lauriacum ohnehin bereits unverhältnismäßig dezimierten archäologischen Erbes.