Urzeitmuseum und Pfarrkirche Hl. Johannes der Täufer mit Unterkirche

Abb. 6: Schädeloperation vor 2400 Jahren.
Nach der vollständigen Restaurierung des Schloßkellergebäudes wurde 1993 das Urzeitmuseum Nußdorf ob der Traisen eröffnet. Hier werden die neuesten Funde aus den archäologischen Rettungsgrabungen der Abteilung für Bodendenkmale im Großraum St. Pölten gezeigt.

Knapp vier Kilometer westlich der alten Römerstadt Traismauer erstreckt sich auf der linken Seite der Unteren Traisen in einer Mulde des Theyernbaches Nußdorf ob der Traisen samt Neusiedl in durchschnittlich 230 Meter Seehöhe. In der Mitte des Gassengruppendorfes, das erstmals zwischen 1121 und 1138 als "Nuzdorf" urkundlich genannt wird, stand als Sitz einer ausgedehnten Herrschaft eine Burg, aus der das in einem Stich von G. M. Vischer von 1627 festgehaltene Schloß hervorging. Dieses wurde schließlich 1860 bis 1864 abgetragen; an seiner Stelle steht heute der Kindergarten. Nebengebäude und Tor blieben erhalten.

Aus dem Abbruchmaterial wurde das Schloßkellergebäude in biedermeierzeitlichem Stil mit historistischer Fassade errichtet. Nach der vollständigen Restaurierung des Schloßkellergebäudes und der Errichtung der Schauräume im Obergeschoß wurde 1993 das Urzeitmuseum Nußdorf ob der Traisen eröffnet. Hier werden die neuesten sensationellen prähistorischen Funde der seit 1981 andauernden archäologischen Rettungsgrabungen der Abteilung für Bodendenkmale im Großraum St. Pölten gezeigt: Der dargebotene Bogen reicht von Jagdstationen altsteinzeitlicher Jäger und Sammler (30.000 v. Chr.) über die Dörfer der frühen Bauern (6. Jahrtausend) bis hin zu bedeutenden Zentren der Metall verarbeitenden Menschen der Perioden vor den Römern. Auf einem Fundplatz in Franzhausen in Sichtweite des Museums kamen die bislang größten und bedeutendsten Bronzezeit? und Kelten-Gräberfelder Mitteleuropas zum Vorschein.

Nach modernsten Gesichtspunkten wurden Originalsituationen übertragen und Rekonstruktionen von Lebensbildern angefertigt. Sonderausstellungen, Präsentationen aktueller Funde und besonders das neu eingerichtete "Erlebnishockergrab zum Anfassen für Nachwuchsarchäologen" ergänzen den Streifzug durch die Jahrtausende im Rahmen des neuen Nußdorfer Veranstaltungszentrums.

Am östlichen Ausläufer einer Geländezunge an der Verbindungsstraße auf halbem Wege zwischen Nußdorf und Neusiedl erhebt sich die Pfarrkirche, ein mehrteiliger Sakralbau mit mächtigem Westturm. Eine dem Hl. Johannes dem Täufer geweihte Kapelle existierte nachweislich schon im 13. Jh. und dies bereits seit längerer Zeit. 1284 Verleihung eines Ablasses; 1318 Erwähnung eines Kirchfriedhofes. 1324 Stiftung der Pfarre durch Wernhard von Nußdorf, die dem Chorherrenstift Herzogenburg inkorporiert ist, zu dieser Zeit auch Errichtung eines entsprechenden Pfarrhofes. Von der ältesten genannten Kirche des 13. Jh. könnte noch der Kern des Langhauses stammen. In das erste Viertel des 14. Jh. kann der heute noch bestehende zweijochige, kreuzrippengewölbte und flach geschlossene Chor aufgrund der Rippen? und Konsolenformen sowie der Schlußsteine datiert werden. Zu dieser Zeit Anbau einer quadratischen Kapelle an der Südseite. Ab 1500 schrittweise großzügig angelegte Erweiterung durch den Zubau des mächtigen Westturmes und des nördlichen vierjochigen, netzrippengewölbten Seitenschiffes mit 5/8Schluß. In das bisher flach gedeckte ältere Langhaus wird ebenfalls ein Netzrippengewölbe eingebaut. Der Versuch der Errichtung einer polygonalen Chorerweiterung bleibt jedoch durch auftretende Bauschäden, Geldmangel oder Einwirkungen der Reformation im Ansatz stecken. Die Grundmauern des 5/8-Chores werden nach einem erfolglosen Versuch der Bauwiederaufnahme in der Barockzeit im vorigen Jahrhundert verschüttet und verschwinden hinter einer damals errichteten Umfassungsmauer. 1998/99 wurden bei der Erneuerung dieser ehemaligen Friedhofsmauer die Fundamente des 5/8-Chores und eine westliche anschließende Quertonne (Unterkirche mit Karnerfunktion) durch die Abteilung für Bodendenkmale neu? bzw. wiederentdeckt. Beide Bauteile gestaltete man im Jahre 2000 museal aus und können nunmehr als Außenstelle des Nußdorfer Urzeitmuseums nach Voranmeldung besichtigt werden. Weitere Informationen zur Bodendenkmalpflege in der Abteilung für Bodendenkmale.