Klein Mariazell

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Nach dem Tod Haderichs II. von Schwarzenburg von seinen Söhnen Heinrich und Rapoto um 1136 als Dank für die Versöhnung nach dem seit ca. 1120 dauernden Erbstreit gestiftet, wurde das seinerzeitige Benediktinerkloster als "Mariazell in Österreich" durch Markgraf Leopold III., den Heiligen, als Stiftung der beiden Brüder gegründet und mit Mönchen aus dem baierischen Kloster Niederaltaich besiedelt.

Die im Kern romanische ehemalige Stiftskirche - mit vierstufigem, spätromanischen Westportal und spätromanischen Dreisäulenportal an der Nord-Seite, in der ehemaligen Taufkapelle - wurde zwischen 1250 und 1610 oftmals restauriert und umgebaut. 1750-1780 erfolgte der spätbarocke Umbau mit einer Einwölbung, wobei die Flachkuppeln 1765 von Johann Bergl mit farbenreich-prächtigen Fresken, wohl ein künstlerisches Hauptwerk, ausgestattet wurden. Die seinerzeitigen Arbeiten zur statischen Sicherung des Gotteshauses haben durch Eindringen von Betonsubstanzen in die Malschicht Schäden an den Fresken ausgelöst. Es mußte daher ein speziell auf diesen Problemfall abgestimmtes Restaurierungskonzept erarbeitet und auch im praktischen Versuch erprobt und belegt werden, um die Malschichten zu entsalzen und mit dem Putzgrund wieder zu verbinden. Dies galt entsprechend auch für die weiteren Teile der Ausstattung. Die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Trockenlegung der Pfarrkirche - durch die Mauerwerksdurchfeuchtung war es zu starken Schäden am Stuckmarmor gekommen - führte in weiterer Konsequenz zur Befassung der Abteilung für Bodendenkmale. Die ursprünglich partiell vorgesehenen archäologischen Untersuchungen wurden letztlich als flächendeckende Grabung im Kirchenraum und unmittelbar darum herum, durchgeführt. Sie brachten Ergebnisse, die über die Kenntnis neuer Bauphasen in die - bisher legendäre, nunmehr nachgewiesene - Gründerzeit und darüber hinaus noch früheres Siedlungsgeschehen führen. Es ergibt sich somit hinsichtlich der Gründungs-, Kirchenbau- und Siedlungsgeschichte eine absolute Bereicherung bzw. in weiten Teilen eine Neuformulierung der (Er-)Kenntnisse. Das in den Türkenkriegen zerstörte und danach umgebettete Stiftergrab - Tontafel mit entsprechender Inschrift vom 13. Mai 1609 - , wobei man die seinerzeit zerbrochene Grabplatte wiederverwendete, konnte ergraben werden. Es ist im nunmehrigen neugeschaffenen Andachtsraum unter dem Presbyterium wiederaufgestellt. Dieser ist über die ehemalige Sakristei erreichbar, wobei im zeitgemäß-schlicht gestalteten Abgangsbereich die Grabungsergebnisse - z.B. ein spätgotisches (Fußboden-)Ziegelmosaik - voll ablesbar und als bauhistorische Dokumentation nachvollziehbar sind. Im südlichen Seitenschiff wurde die ursprüngliche Wanddekoration - rote Sockeimalerei, weiße Wandfärbelung mit roter Quadermalerei - sowie eine gotische Türöffnung unter dem heutigen Bodenniveau freigelegt. Aufgrund dieser großflächigen Grabungen konnte man im Bereich der Apsis feststellen, daß die Grundwasserströme den Kalkmörtel im Fundamentbereich bereits sehr massiv ausgewaschen hatten, sodaß eine nachhaltige Verfestigung dieser Partien absolut unumgänglich war. Nach den Grabungsarbeiten im Kircheninneren, den Trockenlegungsmaßnahmen, der Errichtung des Andachtsraumes unter der Apsis und des Zuganges im Bereich der ehem. Sakristei unter Sichtbar-Belassung der Grabungsfunde wurden die Restaurierungsmaßnahmen im Jahr 1997 mit den Arbeiten an den Fresken von Johann Bergl im Vierungsbereich fortgesetzt. Gleichzeitig waren die Arbeiten am Hochaltar begonnen und nunmehr fortgesetzt worden. Nach Beendigung der Arbeiten an der Vierungskuppel wurden die Deckengemälde im übrigen Presbyteriumsbereich, deren Zustand wesentlich besser war, wie schon die ersten Untersuchungen ergaben, restauriert. Gleichzeitig wurden die Arbeiten an den Wandflächen des Presbyteriums fortgesetzt. In der zweiten Jahreshälfte war dann das Hauptschiff komplett eingerüstet, und zwar für Restaurierung/Reinigung der Deckengemälde und der Wandflächen. Diese Arbeiten erstreckten sich bis ins Jahr 1998. An den romanischen Portalen der Nord- und Westfassade begannen ebenfalls die Restaurierungsarbeiten, nachdem die Turmfassade in einem, dem seinerzeitigen originalen zarten Grün (mit leichtem Blaustich) entsprechenden Farbton gestrichen worden war und das Turmkreuz, das man aus Reparaturgründen abnehmen mußte, wieder vergoldet und montiert worden war. Da sich im Zuge der Bestrebungen um eine Wiederbelebung der Wallfahrt herausstellte, daß man Versammlungsräume und dergleichen benötigt, entschloß man sich, das in den 60-er Jahren zum Teil abgetragene Klostergebäude wieder zu aktivieren und durch Dachausbau bzw. Aufstockung eines reduzierten Traktes Kubatur zu gewinnen. Diese Neubauteile sind in heutiger Formensprache, in entsprechender Materialwahl, in Baumasse und Kubatur sich dem Altbestand einfügend, gestaltet. Diese Sicht- und Vorgangsweise entspricht den heutigen Parametern und Anforderungen einer zeitgemäßen Denkmalpflege. Gemäß dieser Entsprechung wurde auch der Kirchenvorplatz gleichsam als "heiliger Bezirk" neu gestaltet. Mit der Wiedereinweihung am ersten Adventsonntag 1998 konnten in Klein Mariazell die jahrelangen, intensiven Arbeiten erfolgreich abgeschlossen werden. Abschließend ist festzustellen, daß das gegenständliche Restaurierungsprojekt eines der komplexesten und vielschichtigsten der vergangenen Jahre in Niederösterreich war. Dies sowohl im Hinblick auf die Problemstellungen und fachlichen Anforderungen als auch im Hinblick auf die künstlerische und kulturhistorische Bedeutung der Anlage "Mariazell in Österreich", dem nunmehr auch durch archäologische Untersuchungen belegten ältesten bekannten Marienheiligtum Österreichs. Besichtigungsmöglichkeit nach telefonischer Anmeldung im Wallfahrtsbüro: Tel. 02673 / 7010 oder unter www.kleinmariazell.at Klein Mariazell liegt an der ehem. sogenannten "Via Sacra", dem historischen Wallfahrtsweg von Wien nach Mariazell.