Stift Viktring

Blick auf den alten Dachstuhl des Speichers: Wo früher das Getreide gelagert wurde, werden jetzt Schulkinder unterrichtet.
Kärnten, Viktring, Statutarstadt Klagenfurt

In den Sechziger und Siebziger Jahren galt Stift Viktring als der größte Problemfall der Kärntner Denkmalpflege, da der barocke Bau zum Großteil leer stand, dringend sanierungsbedürftig war und keine geeignete Widmung gefunden werden konnte.

Das Land Kärnten nahm Stift Viktring 1971 wegen des schlechten Zustandes nicht einmal als Geschenk des Bundes an, bis 1975 endlich die Entscheidung zur Errichtung eines "Musikgymnasiums" fiel.

Schon zur Zeit der ersten Adaptierungsüberlegungen zeigte sich, daß die auf den Plänen des Jahres 1788/89 dokumentierte barocke Bausubstanz nach der Entfernung jüngerer Zwischenmauern für Schulzwecke bestens geeignet und die neue Nutzung ohne nennenswerte Veränderungen möglich war. Eine erste große positive Überraschung war 1977 die Auffindung des stuckierten, 1765 mit Fresken von Johann Gfall ausgestatteten Gewölbes über der ehem. Klosterbibliothek, in der heute ein Festsaal untergebracht ist.

In den letzten Jahren wurden u. a. ein funktionelles und gestalterisches Leitkonzept, die Gestaltung der Außenräume, der Einbau der Schulbibliothek und die sehr schwierige Nutzung der Randbauten im nordwestlichen Stiftsbereich nach Plänen von Gernot Kulterer zum Abschluß gebracht. Dabei ist es gelungen, einige sehr behutsame, auf den Dokumentarwert und die Geschichtlichkeit der vorhandenen Bausubstanz eingehende, den Richtlinien der Charta von Venedig entsprechende, gestalterisch überzeugende Ein-, Um- und Anbauten durchzuführen. So wurde die neue Schulbibliothek als Stahl-Holz-Konstruktion in einem offenen dreigeschoßigen, hohen Raum errichtet und dabei die historische Bausubstanz nahezu unverändert belassen. Im ehem. "Getraid-Kasten", der den großen Stiftshof nach Norden begrenzt, konnten Räume der Werkerziehung untergebracht werden, wobei die gut überblickbare Hoffassade mit den kleinen barocken Speicherfenstern erhalten blieb und zum Teil sogar rückgebaut werden konnte, da die notwendigen Belichtungsöffnungen an der kaum einsehbaren Außenseite des Gebäudes untergebracht wurden. Eine bemerkenswerte architektonische und gestalterische Lösung zeigen die Einbauten im Obergeschoß des nordwestlichen Baues der Stiftsanlage, wo im ehem. "Heu Boden und Tresch Boden" Unterrichtsräume in Glaskonstruktionen errichtet wurden, die ein ungestörtes Überblicken der sie umgebenden spätmittelalterlichen Außenmauer mit ihren Schießscharten und des mächtigen barocken Dachstuhles ermöglichen. Viele der Adaptierungsmaßnahmen erbrachten ein optimales Nebeneinander historischer Bausubstanz und neuer Architektur.

Stift Viktring zeigt beispielhaft die erstaunliche Anpassungsfähigkeit der vorwiegend barocken Klosteranlage, die nach der Aufhebung dieses Klosters zu einem Schloss mit Fabrik und in den letzten 25 Jahren unter Wahrung aller architektonischen Qualitäten zu einer der vermutlich schönsten Schulen Österreichs werden konnte.

Im Zentrum der Klosteranlage befindet sich die 1202 geweihte Stiftskirche, eine romanische, auf burgundische Vorbilder zurückgehende Pfeilerbasilika, deren Chorbereich gotisch erweitert und deren Langhaus im 19. Jh. zur Hälfte abgebrochen wurde. Am Gewölbe der spätgotischen Bernhardkapelle wurden 1991 hervorragend erhaltene spätgotische Fresken gefunden und freigelegt. Diese zeigen Evangelisten-, Heiligen-, Apostel-, Engel- und Groteskendarstellungen mit Spruchbändern, bisher aber keinen Hinweis auf deren Entstehungszeit und den Freskanten. Es ist zu erwarten, daß die Freskenfreilegung, die eine wichtige Bereicherung des spätmittelalterlichen Kunstbestandes Kärnten darstellt, im Jahr 2001 zum Abschluß gebracht werden kann.