Rathaus Wien

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Auf dem ehemaligen Exerzier- und Paradeplatz wurde in den Jahren 1873 bis 1883 das Neue Wiener Rathaus nach Plänen des Architekten Friedrich von Schmidt errichtet.

 

Zusammen mit dem Burgtheater, dem Parlament und der Universität bildet das monumentale Gebäude eines der schönsten städtebaulichen Ensembles an der Wiener Ringstraße. Kaiser Franz Joseph höchstpersönlich legte am 12. September 1883 den Schlußstein. Höhepunkt dieser Feier war die Einmauerung einer Kapsel in der Erkerwand des Festsaales, genau an jener Stelle, die noch heute das eingemeißelte und mit Gold nachgezogene Datum trägt. Die Politik hielt 1885 Einzug, als am 23. Juni zum ersten Mal der Gemeinderat tagte.

 

Friedrich von Schmidt entwarf ein Gebäude, das schon von weitem - wie er sagte - "dem überlieferten Typus jener Epoche entsprechen müsse, welche mit dem Emporblühen des deutschen Bürgerthumes zusammenfällt". Zweifelsohne spielte er damit auf die zahlreichen spätgotischen Rathäuser in Deutschland und Flandern an, die von den Bürgern als sichtbare Zeichen ihrer immer stärker werdenden Position gegenüber den Feudalherrn gesetzt wurden. Das überwiegend in gotischen Formen gehaltene Wiener Rathaus sollte an diese Tradition anknüpfen und weithin sichtbar Macht und Einfluß des städtischen Bürgertums demonstrieren. Den dominierenden Akzent setzt hierbei sicherlich der hohe Rathausturm, gefolgt von mächtigen und reich mit Maßwerk ausgestatteten Arkaden, die sich über die gesamte Breite des Mittelrisalites in einer Höhe von zwei Geschoßen erstrecken. Festsaal

 

Hinter diesen Arkaden verbirgt sich einer der schönsten historistischen Säle Wiens. Mit seinen 71 Metern Länge, 20 Metern Breite und 18,5 Metern Höhe ist er überdies einer der Größten seiner Zeit. Es sind aber nicht nur die Maße, die die Monumentalität des Raumes bewirken. Mit dem niedrigen, sich in Arkaden öffnenden Säulenkorridor an der einen, der zum Rathausplatz offenen Loggia an der anderen Längswand sowie mit den gleich drei Seiten umschließenden, sich gleichfalls in Bogenstellungen öffnenden Emporen der oberen Zone wird der eigentliche Saal mit einer zweiten Raumschicht hinterlegt. Dadurch sind seine wahren Ausmaße nicht leicht zu überschauen. In dieses Konzept fügt sich auch das mächtige, den ganzen Saal überspannende Gewölbe, das sich mit seiner Grundform als Tonne gleichfalls einer klaren räumlichen Begrenzung entzieht. Der großartige Raumeindruck wird aber nicht nur durch die architektonische Grundstruktur, sondern wesentlich auch durch die prächtige, bis in kleinste Details durchkomponierte Ausstattung geprägt: Durch farbige Glasfenster dringt gedämpftes, schimmerndes Licht, die mächtigen, von Friedrich von Schmidt entworfenen Luster - allesamt vergoldet - sorgen für eine festliche, ja fürstliche Beleuchtung; besondere Bedeutung kommt auch der Architekturmalerei zu, die die Gewölbe sowie die Wände des Korridors und der Emporen in kleinteiligen und verschiedenfärbigen Mustern überzieht. "Der Teufel steckt im Detail" - sagt man -, doch gilt dies nicht für die Ausstattung des Festsaales. Türbeschläge etwa wurden ebenso von Meisterhand entworfen, wie selbst kleinste skulpturale Verzierungen - man beachte nur die drollige Teufelsfratze im Erker. Höchste künstlerische Qualität gepaart mit einer beinahe beispiellosen handwerklichen Präzision sind also die Kategorien, die den Festsaal des Rathauses auszeichnen und ihn zu dem machen, was er ist - einer der schönsten Räume der weltweit bekannten Ringstraßenarchitektur. Restaurierung Vor Inangriffnahme der Restaurierung befand sich der Festsaal in einem trostlosen Zustand. Die Parkettböden waren desolat, Steinteile stark verschmutzt, Vergoldungen abgeplatzt bzw. nachgedunkelt, die Metalluster korrodiert und die Schablonenmalereien in stark vereinfachten Formen sowie in grellen Farben mehrmals übermalt. Zu den Kriegsverlusten zählten überdies die farbigen Glasfenster an der Seite zum Rathausplatz. Die von Friedrich von Schmidt postulierte Maxime höchster Präzision in der Ausführung war also über weite Strecken nicht mehr gegeben. Das Ziel der geplanten Restaurierung wurde in langen Diskussionen aller Verantwortlichen festgelegt. Danach sollte der ursprünglich intendierte Raumeindruck hergestellt werden, der Festsaal also künftig in seinem ursprünglichen Glanz wieder erstrahlen. So entschloß man sich, die Parkettböden bis in das kleinste Detail gemäß Altbestand neu anzufertigen, die Steinteile substanzschonend nur mit Wasserdampf zu reinigen und die Echtvergoldungen der Architekturzierglieder zu restaurieren. Die oxidierten Schlagmetallvergoldungen im Deckenbereich mußten jedoch zur Gänze erneuert werden.

 

Umfangreiche Recherchen waren notwendig, um gesicherte Informationen über das ursprüngliche Aussehen der kriegsbedingt verlorenen Fenster zu gewinnen. Auf der Grundlage alter Fotos wurde das oft komplizierte Muster der Bleistege rekonstruiert und die Farbkomposition anhand winziger verbliebener Reste der originalen Verglasung bzw. in Analogieschlüssen zu den zahlreich im Rathaus noch erhaltenen Glasfenster erschlossen. Besonderes Augenmerk galt auch den Prunklustern, Appliken und Standleuchten. Sie wurden demontiert, in ihre Einzelteile zerlegt, gereinigt und abschließend mit einem eingefärbten Schutzlack versehen, um den ursprünglichen warmen Goldton wiederzugewinnen. Als besonders schwierig erwies sich die Restaurierung der umfangreichen Schablonenmalereien. Nach zahlreichen Bemusterungen und langen Fachgesprächen einigte man sich schließlich darauf, die lückenlos befundete Erstfassung zur Gänze wiederherzustellen. Hält man Rückschau, so arbeiteten beinahe ein ganzes Jahr hunderte, meist noch in alten Handwerkstechniken geschulte Fachleute, um unter der Leitung der MA 23 - Gruppe Rathaus und der fachlichen Beratung durch das Bundesdenkmalamt, den Festsaal des Rathauses wieder so erstehen zu lassen, wie er von Friedrich von Schmidt 1883 seiner Bestimmung übergeben wurde.

 

Eine besondere Herausforderung war die Unterbringung der für eine vielfältige Nutzung notwendigen technischen Infrastruktur, ohne das hiervon das historische Erscheinungsbild beeinträchtigt worden wäre. So gelang es, im Blindbodenbereich sowie im Bereich der oberen Fensterebene loggiaseitig praktisch uneinsehbare Versorgungstraßen einzurichten. Von dieser Ringleitung aus wird über im Trockenbohrverfahren hergestellte Kanäle die strategisch über den gesamten Festsaal verteilte technische Infrastruktur versorgt. Versorgungstanks mit umfangreichen EDV-, nachrichten- und elektrotechnischen Anschlußmöglichkeiten konnten in die Fußbodenkonstruktion integriert werden. Eine der modernsten Brandmeldeanlagen gewährt künftig eine ständige Überwachung auf vier Ebenen. Nutzung Der Festsaal und die angrenzenden Prunkräume werden multifunktional für Repräsentationsveranstaltungen, Ehrungen, Empfänge, Vorträge (Wiener Vorlesung), Präsentationen, Ausstellungen (Buchwoche), Symposien, Konzerte (Christmas in Vienna), Sportveranstaltungen, Bälle (Blumenball) und Clubbings (Jungbürgerveranstaltungen) genutzt bzw. zur Verfügung gestellt.