Maria Laach am Jauerling

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Der Topograph Adolf Schmidl stieß bei seinem Studium für einen Landschaftsführer durch "Wiens Umgebung auf 20 Stunden im Umkreis" (1839) auf den, am südlichen Ausläufer des Jauerling in 644 m Seehöhe gelegenen Wallfahrtsort und war begeistert über den herrlichen, so gut wie unbekannten Kirchenbau. Heute benötigt man mit dem Auto von Wien aus, etwa zwei Stunden um über Melk nach Maria Laach zu gelangen.

Der von außen monumental wirkende Kirchenbau läßt erst im Inneren seine Bedeutung voll erkennen. Die unter Beratung des Bundesdenkmalamtes erfolgte Neufärbelung des Kirchenraumes in Kalktechnik hat zu einer noch stärkeren Ausdruckskraft der von mittelalterlicher Frömmigkeit geprägten Kirche geführt. Die unterschiedlichen Gewölbe und architektonischen Gliederungsformen machen die Bauzeit der diversen Bauteile gut nachvollziehbar: Der Chor stammt als ältester Bauteil aus dem frühen 15. Jh., das Langhaus wurde 1496, der Westturm mit Vorhalle 1512 errichtet. Die unterschiedlichen, z.T. jochübergreifenden, Netzrippengewölbe der drei staffelförmig angeordneten Schiffe dokumentieren sehr überzeugend den Einfallsreichtum der Spätgotik. Noch stärker ist dieser an der mit Fischblasen- und Drehwirbelformen reich verzierten, zarten Maßwerkbrüstung der Westempore nachvollziehbar. Aus gleicher Zeit datiert die achteckige Steinkanzel in Kelchform mit polygonalem Korb auf tief gekehltem Pfeiler. Die steinmetztechnisch anspruchsvolle und künstlerisch hochwertige Ausstattung der Kirche fand bereits 1861/62 in den Zeichnungen von Franz und Karl Jobst Anerkennung. Im Zuge der Innenrestaurierung der Pfarrkirche durch die Restaurierwerkstätten des Bundesdenkmalamtes erfolgte 1998 eine routinemäßige Überprüfung des Bestandes, um, wo erforderlich, einen neuerlichen, die Originalsubstanz schützenden Eingriff tätigen zu können. Es zeigte sich jedoch, daß die Innenausstattung der Kirche in einem erstaunlich guten Zustand war, besonders der Doppelflügelaltar von 1480, der als eine der bedeutendsten Leistungen der Spätgotik in Niederösterreich überhaupt gelten kann - stellt er doch ein herausragendes Beispiel eines vollständig erhaltenen, spätgotischen Schnitz- und Malwerkes, mit im Schrein thronender Maria als Himmelskönigin mit Kind, dar. Die geschnitzten Innenflügel des Altars weisen Szenen aus dem Leben Mariae auf; die bemalten Außenflügel sind mit Darstellungen aus der Passion Christi versehen. Vor allem an den Nebenfiguren (Soldat, Detail aus der "Auferstehung") und bei den scheinbaren Nebensächlichkeiten des Hintergrunds zeigt sich die schöpferische Souveränität der Künstler. Zu den weiteren Einrichtungsgegenständen zählen eine Muttergottesstatue, um 1440, ein Kruzifix, um 1520, und nicht zuletzt das in den figurenreichen Seitenaltar des späten 17. Jahrhunderts integrierte Gnadenbild, die sogen. "Madonnna mit den sechs Fingern", um 1440. Dieses aus den Rheinlanden stammende Tafelbild dürfte mit den sechs Fingern auf byzantinische Vorbilder zurückgreifen, wo derart die fürsprechende Gewalt der Gottesmutter ihren Niederschlag fand. Einen zweiten Höhepunkt erlebte die Kirche unter dem Patronat der Grafen Kuefstein, wie das Freigrab Johann Georg III. von Kuefstein, errichtet vom Hofbildhauer Alexander Colin aus Mecheln im Jahre 1607, beweist. Es zählt zu den wenigen noch original erhaltenen Spätrenaissance-Grabmälern mit vollplastischer Darstellung eines Betenden in Österreich. Der monumentale, rechteckige Kenotaph aus verschiedenfarbigem Marmor wies, mit Ausnahme der im Zuge der vorjährigen Innenrestaurierung behobenen Salzschleierbildung an den Alabasterreliefs, keinerlei Schäden auf. Bemerkenswert sind auch die fünf im Chor hängenden monumentalen Totenschilde der Familie Kuefstein aus den Jahren 1603 bis 1628.